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Erste Ausgabe der pottpost, Oktober 2020

Umbruch oder Stillstand:

Wenn wir auf das letzte Semester zurückblicken, dann erinnern wir uns an den Beginn der Corona Pandemie, den drohenden Lockdown im März, den Reisestillstand, die Schließung öffentlicher Einrichtungen und natürlich das Homeoffice. Erwerbstätigkeit war kurzerhand in großen Teilen auf Eis gelegt und so manche*r besann sich auf das Zuhause und die Familie. Alles stand irgendwie still.

Doch mit dem plötzlichen Stillstand kam ein wohl ebenso plötzlicher Umbruch. Angefangen an der Uni mit dem ersten digitalen Semester: Die Schulung der Dozierenden erfolgte in bahnbrechender Geschwindigkeit und die neue Organisation durch die Corona-Task-Force. Vereint wurde zusammengearbeitet an einem noch nie dagewesenen Konzept.

Womöglich war die anfängliche Stille nur die Ruhe vor dem Sturm, denn mit der Ausbreitung des Virus entwickelt sich die größte Wirtschaftskrise überhaupt. Wellen der Anti-Rassismus-Demonstrationen spülten über die ganze Welt. Rufe nach Demokratie und Freiheit werden gerade lauter denn je, in Belarus und anderswo. Gleichzeitig sehen wir uns konfrontiert mit der Aushöhlung von schon bestehenden Demokratien, unter anderem in den USA. Währenddessen wird der Sommer 2020 zum heißesten je gemessenen Sommer der Nordhalbkugel.

Wenn man so darüber nachdenkt, dann fällt die Trennung von Umbruch oder Stillstand schwer. Die Zeit läuft weiter und aus dem einstigen Stillstand heraus explodierte die Welt. Während all das passierte, haben wir uns zusammengefunden und freuen uns, Euch nach einigen Monaten der Vorbereitung und der Überlegungen die erste Ausgabe der Pottpost präsentieren zu können. Es ist nichts in Stein gemeißelt, sondern wir bleiben offen für Veränderung in jeder folgenden Ausgabe.

Die Zeitung ist zwar in kleinem Kreise entstanden, doch schon jetzt vereint sie schriftliche Artikel vieler verschiedener Studierender, die sich zum Thema „Umbruch oder Stillstand“ Gedanken gemacht haben. Jeder und jede ist auch weiterhin eingeladen, über ein Thema des eigenen Interesses einen Artikel zu schreiben. Wir hoffen, dass Ihr in den nächsten Jahren diese Zeitung mit uns zusammen nutzt, gestaltet und prägt.

Unsere Intention ist es dieses neue Medium zu nutzen, um die Menschen am Campus zusammenführen: Campuskultur schaffen, über sie berichten und alle daran teilhaben lassen. Es passiert viel. Und gefühlt bekommt es niemand mit. Es fehlt in einem Dschungel aus offiziellen Newslettern ein studentisches Medium, das informiert. Doch existiert die Uni nicht in einem Vakuum, und so ist auch das politische und gesellschaftliche Geschehen weltweit unser Thema. Mit der Unizeitung verfolgen wir einen klaren Aufklärungsgedanken. Nicht nur kritisch und interrogativ, sondern vor allem auch konstruktiv.

Was ist los? Wo wollen wir hin?

Die zweite Ausgabe der pottpost, Dezember 2020

Fröhliche Wahrheiten

Es ist Weihnachtszeit. Es gibt verschiedenste Narrative rund um Weihnachten. Für manche ist es der Höhepunkt der verstandslos verkirchlichten Gegenwart. Andere lassen einmal im Jahr die Bitterlichkeit des ständigen Weltschmerzes völlig hinter sich und besinnen sich auf, ja, was eigentlich? 

Haltloser Konsum, Kapitalismus-Kritik, Bio-Gans oder militante Veganer:innen, alles kommt beim „gemütlichen“ Weihnachtsessen zusammen und provoziert das nächste Familiendrama. Was gibt es besseres als Weihnachten?

 

Hier ein alternatives Narrativ: Vielleicht ist Weihnachten die Chance auf das Geschaffte zu blicken und Kraft zu sammeln, um die Herausforderungen der Gegenwart anzugehen. Jeden Tag aufs neue. Weihnachten ist es die Chance Politik und Menschlichkeit mit den Menschen zu leben, die uns am nächsten sind. Dieses Jahr im äußerst exklusiven Kreis. Ihr wisst schon warum (Tipp: Wort des Jahres). 

 

Doch wofür nehmen wir uns diese Zeit? Um “Wahrheiten” anzugehen. Sie sind der Grundstein, den wir brauchen, um ins gemeinsame Handeln zu kommen. Doch woher kommen sie dann, die vielen verschiedenen Wahrheiten, die so manche:n beim gemütlichen Festessen überrumpeln? Gerade in der Gegenwart werden die Grenzen der Realität immer wieder austariert und ausgetestet. Multiple Wahrheiten entstehen in und um Gruppen und schwirren “fröhlich” durch die Gemüter. 

 

Dabei schrieb Nietzsche schon damals:„(D)ie Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.“ Laut ihm haben wir uns nur lange auf Wahrheiten geeinigt, weil sie uns das Leben leichter machen. Schön angenehm alles, wie die Weihnachtszeit. Doch wenn die Wahrheit eine Einigung ist, was passiert, wenn wir uns nicht einigen können? Wenn verschiedene Wahrheiten aufeinandertreffen und ein Drama provozieren, nicht nur in der Familie? Das lässt sich aktuell an den unterschiedlichsten Stellen betrachten. 

 

Ein Drama entsteht, weil ich eine neue “Wahrheit” schaffen kann, indem ich mich als Leugner:in einer anderen bezeichne. Jede:r Coronaleugner:in hat dazu jetzt die Möglichkeit. Die dramatisch voranschreitende Klimakrise lässt sich von breiten Bevölkerungsteilen verdrängen oder leugnen. Trump sorgt(e) dafür, dass Informationen in ihrem Wahrheitsgehalt immer weiter erodieren und schafft somit die gemeinsame Grundlage basierend auf Wissen, ab. Ein klarer Wahlsieg. Wahrheit? Das Ringen um eine gerechte Impfstoffverteilung lässt Ethikrat, Impfkommission und Bundestag Fakten wälzen. 

Ist Wahrheit also eine Frage der Mobilisierungskraft? Markus Gabriel sagt, es gibt moralische Wahrheiten, die nicht Frage von Einigung sind, sondern unverhandelbar. 

 

Vielleicht vergessen wir auch einfach diese ganzen Fragen und spielen eine gute Runde “Wahrheit oder Pflicht”, mit Wahrheiten über uns selbst.

 

Unser aktuelles Titelthema “Fröhliche Wahrheiten” ruft unterschiedlichste Assoziationen hervor, die zeigen, in wie viel Kleinem und Großem eine Wahrheitsfrage steckt. Eure vielen Einsendungen zeigen: Wir sind bereit zu diskutieren – wachsam, begeistert und vor allem gemeinsam.

 

Abschließend eine Wahrheit: Wir mögen völlig unterschiedlich denken, doch wir brauchen uns gegenseitig, sonst geht hier gar nichts. Nicht nur an Weihnachten. 

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Dritte Ausgabe der pottpost, Mai 2021

Scheide und Schwert

Der Begriff „Feminismus“ spaltet manche Teile der Gesellschaft.

Manche mögen die Zeitung direkt beiseitelegen, schnau- bend, „linksversiffte Ideologie“, würden sie wohl heraus- pressen. Manche andere, langjährige Feminist:innen, greifen wohl kritisch interessiert nach einer Ausgabe und merken aber, dass sich die herausgegebenen Texte so sehr von ihrem eigenen Verständnis von „Feminismus“ unterscheiden, dass sie wütend werden und gar nicht erst wei- terlesen. In beiden Fällen scheint eine Öffnung der Debatte missglückt. Können wir überhaupt noch ins Gespräch kommen?

Wir denken, wir müssen.

Feminismus hat eine lange Geschichte. Ab dem 19. Jahrhundert könnte man ihn in Abgrenzung zu vorherigen Einzelkämpferinnen als Gemeinschaftsanliegen mit kollektiver Schlagkraft weltweit bezeichnen. In vielen Kulturkreisen, v. a. hier, galt die Frau gesellschaftlich als fürsorglich, häuslich, sanftmütig, was sie in den Haushalt verbannte. Wenn Frauen eine politische Stimme erhielten, so dachte man, bräche das System zusammen. Nicht nur das Wahlrecht war ein wichtiges Ziel dieser Zeit, auch für wirtschaftliche Freizügigkeit und Ausbruch aus dem pat- riarchalischen Familienrecht oder gleichberechtigten Zugang zum Bildungswesen wurde gekämpft. Mit dem Gang der Zeit entwickelte sich der Feminismus. In den 60er Jah- ren fand, neben dem Einfordern von „gleichem Lohn für gleiche Arbeit“ (Recht, Island, 1961), ein kultureller und sozialer Umbruch statt: erste Anregungen die herkömmlichen Vorstellungen von Weiblichkeit zu überdenken. Vermittelte Eigenschaften, wie Unterwürfigkeit und Unterlegenheit, mussten abgeschüttelt werden, Fortschritte in Scheidungs- und reproduktiven Rechten ließen traditionelle Beziehungsstrukturen überdenken. Frauen kämpften für das Recht auf ihren eigenen Körper: frei erhältliche Verhütungsmittel und legaler Schwangerschaftsabbruch. In den 90er Jahren wurde Feminismus pluralistisch. Das Erkennen, dass Klasse, Rasse, Sexualität, Geschlecht, Alter und andere Einflüsse zusammenwirken, wenn Menschen mit Diskriminierung konfrontiert werden, führte zum Be- griff der „Intersektionalität“. Geschlechtsspezifische Ge- walt musste (und muss) enden.

Und heute? Obwohl sich die rechtliche Lage für Frauen - jenseits der allgemeinen Formulierung der Gleichheit im Grundgesetz - nun auch im Detail verbessert hat, sind selbst Spitzenpolitikerinnen noch sexistischen Fragen ausgesetzt. Während es völlig normal und gesellschaftlich etabliert ist, eine Annalena Baerbock zu fragen, wie sie es denn schaffen wolle, die Kanzlerschaft und Familie unter einen Hut zu bringen, wäre es hingegen völlig absurd, diese Frage einem Armin Laschet zu stellen. Dass es im Alltag “normaler” Frauen nicht besser ist, lässt sich schnell ver- deutlichen. Denn welcher Frau wurde noch nie in ihrem Leben von einem alten weißen Mann die Welt erklärt, wurden noch nie sexistische Beleidigungen auf offener Straße zugerufen oder hatte noch nie Angst, allein, im Dunkeln, nach Hause zu laufen. Fakt ist: Dies stellt nur einen Bruch- teil der großen Vielfalt an Problemen von Frauen im Alltag dar und es wird ersichtlich, dass diese nicht individuell, sondern systemischen Ursprungs sind.

Eine sinnbildliche Verdeutlichung dieses Problems soll mithilfe unseres Titelthemas “Scheide und Schwert” ge- schaffen werden, denn das Wort „Scheide“ für das weib- liche Geschlechtsorgan, entwickelte sich euphemistisch im 16. Jahrhundert aus der ursprünglichen Bedeutung der „Schwert-scheide“ heraus. In der eher unbekannten Ana- logie „Scheide und Schwert“ werden tief verankerte, sexistische Strukturen ersichtlich, welche augenscheinlich immer noch in der deutschen Sprache wirken. Auch an anderen Stellen des Sprachgebrauchs lässt sich dies fest- stellen. So wird die Vagina oftmals nicht nur als “Scham” tabuisiert, sondern häufig in großer Vielfalt als Beleidi- gung genutzt.

 

Wir denken, dass, solange Frauen ständiger Begutachtung und Kommentaren ausgesetzt sind, Geschlechter klischeehaft in Film- und Fernsehen dargestellt werden, Frauen falsche Ideale sowie Ängste der Unzulänglichkeit über- mittelt werden, sie systematisch unterdrückt und als das “schwache” Geschlecht betrachtet werden, wir auch den Feminismus brauchen.

Für uns als Redaktion gilt nämlich, wie auch für viele an- dere feministische Aktivist:innen, dass alle Menschen die Möglichkeit auf ein chancengleiches, gewaltfreies Leben unabhängig von ihrer (sozialen) Herkunft, ihrer Geschlechtsidentität und ihrer sexuellen sowie romanti- schen Orientierung haben sollen.

Uns ist bewusst, dass wir in dieser Ausgabe nur einen ver- schwindend geringen Anteil an feministischen Themen sowie Personen, die von intersektionaler Diskriminierung betroffen sind, repräsentieren. Reflektierend betrachtet, sind die Inhalte dieser Ausgabe sehr “weiß” und privile- giert, da BIPoC* (Black, Indigenous and People of Color) und FLINTA (Frauen, Lesben sowie inter, nicht-binäre, trans und agender Personen) wenig vertreten sind bzw. kaum Erwähnung finden. Wir wissen, dass Feminismus ein kompliziertes Thema darstellt, dessen wir uns sensi- bel nähern wollen und dabei mit Sicherheit auch Fehler machen.

 

Aber Feminismus ist ein schrittweiser Prozess, indem jede:r einzelne von uns die Möglichkeit bekommt, den eigenen Mikrokosmos zu verlassen und die soziale Gleichbe- rechtigung von allen Geschlechtern einzufordern, damit diese als ebenbürtige Individuen aufeinandertreffen können.

Also lasst uns gemeinsame Sache machen, uns gegenseitig zuhören und unterschützen: Sexistische Normen gemein- sam entlernen, intersektionale Verknüpfungen verstehen, Machtgefüge gezielt anerkennen und abbauen