Witten wählt. Studierende treten an.

Am 13. September wurde kommunal gewählt. Es ging um den Bürgermeister*in-posten, den Stadtrat und das Ruhrparlament.Drei Studierende berichten über ihre Kandidatur bei der Wahl.

 

 

 

 

 

 

EIN INTERIEW MIT LEA BANGER, ANNA DI BARI UND CHRISTIAN EMMEL

Für welche Partei hast du kandidiert und warum?

Lea: Ich habe für die FDP in Witten kandidiert, weil mir der liberale Grundgedanke der Freiheit aber besonders auch der Chancengleichheit sehr wichtig ist.

Christian: Die Linke, weil ich schon länger in der Partei bin und der Ortsverband mich gefragt hat, ob ich kandidiere, um die Liste voll zu machen.

Anna: Meine Partei ist Bündnis 90/ Die Grünen. Besonders bin ich aber auch als Kandidatin der Grünen Jugend angetreten. Ich habe mich für die Grünen entschieden, weil ich die Kombination von einer konsequenten Sozial- und Umweltpolitik wichtig finde.

 

Was ist deine Motivation politisch aktiv zu sein?

Lea: Deutschland ist noch nicht fertig und ich wollte ein Teil der Veränderung werden. Mir ist es wichtig, dass auch junge Frauen in der Politik repräsentiert werden, um andere Blickwinkel und Meinungen vorzubringen. Deshalb bin ich umso mehr erfreut, so herzlich in der FDP Witten aufgenommen worden zu sein.

Christian: Ich glaube, dass jede Person, die in einer Demokratie lebt, sich irgendwie engagieren sollte. Für mich funktioniert das am besten über Parteiarbeit, weil sie mich immer wieder daran erinnert etwas zu tun.

Anna: Es gibt viele Möglichkeiten, politisch aktiv zu sein, auch fernab von Parteipolitik. Ich habe aber entschieden, mich so einzubringen, da ich glaube, dass es immer noch eine systematische Unterrepräsentanz von jungen Menschen und Frauen gibt. Natürlich ist auch das kein Selbstzweck, aber eine Sichtweise, die unbedingt eingebracht werden muss. Ich glaube, dass es auf politischer Ebene einige Themen gibt, denen man sich annehmen muss. Besonders in Stadträten, Bezirksvertretungen und auch im jetzt direkt gewählten Ruhrparlament gibt es da viel Gestaltungsraum, den man durch Mandate hoffentlich möglichst gut füllen kann.

 

Wie ist die Wahl für euch gelaufen?

Lea: Im Vergleich zur letzten Wahl haben wir uns ein wenig verbessert. Trotzdem liegen wir weit unter 5% und das ist nicht erfreulich.

Christian: Für „uns“ will ich nicht sprechen, dafür bin ich nicht genug im Austausch mit der Partei. Persönlich bin ich sehr froh, dass die Störenfriede von Pro NRW nicht mehr im Rat sitzen und die Linke mit drei Sitzen Fraktionsstärke hat. Daher ist die Wahl für mich gut gelaufen. Es freut mich auch zu sehen, dass die Grünen und die Piraten so zugelegt haben, die bringen jeweils viele kompetente Leute in den Rat.

Anna: Mit einem guten Ergebnis konnte man rechnen, nachdem sich bei der Europawahl letztes Jahr gezeigt hat, wie groß der Anteil an Wähler*innen ist, die sich Veränderung wünschen und in den Grünen eine Alternative zu den ursprünglich größeren Mehrheiten von Volksparteien sehen. Dass das Ergebnis aber kommunal so gut wird, war aber trotzdem unerwartet und hat am Wahlabend für große Freude gesorgt.

 

Was hat sich in Witten politisch verändert durch die Wahl? Ist etwas Überraschendes eingetreten?

Lea: Die Wahlergebnisse zeigen eine eindeutige Splitterung im Rat. Es standen diese Wahlperiode deutlich mehr Parteien zur Wahl und dadurch sind nun auch viele verschiedene Parteien in den Rat eingezogen. Es wird spannend, wie sich eine Mehrheit bildet und wie wir alle, gemeinsam, Kompromisse für Witten finden können.

Christian: Überraschend war für mich, dass die Wahlbeteiligung trotz Corona hoch gegangen ist, das hat mich gefreut. Ansonsten liegt Witten voll im Trend – SPD abstrafen, mehr Grün, AfD unter 5%. Mal schauen was draus wird.

 

Wie habt ihr den Wahlkampf erlebt?

Lea: Aktiv selber Wahlkampf zu führen war für mich natürlich etwas total Neues. Umso schöner war es zu sehen wie fair es zwischen den Parteien zuging. Es hat mir unglaublich viel Spaß bereitet, samstags in der Innenstadt zu stehen und mit Bürger*innen ins Gespräch zu kommen.

Christian: Da ich wie gesagt nur als Lückenfüller angetreten bin und auch von Anfang an gesagt habe, dass ich nicht mehr sein möchte, habe ich mich aus dem Wahlkampf herausgehalten.

Anna: Der Wahlkampf war durch Corona deutlich anders als gewohnt. Sehr Fahrrad lastig. Ich hatte die unterschiedlichsten Begegnungen und habe verschiedenste Städte miterlebt. Und von Stadt zu Stadt deutliche Unterschiede bemerkt, mit welchen Themen und Anliegen Menschen zu Ständen oder Aktionen kommen. Was mich überrascht hat, ist, wie groß das Interesse an Kommunalpolitik dann aber doch ist!

 

Welche Probleme seht ihr in Witten?

Lea: Aus unserer Sicht ist eines der großen Probleme die viel zu hoch angesetzte Gewerbe- und Grundsteuer. Wir würden uns über innovative und neue Gewerbe in Witten freuen, um unter anderem auch weitere Arbeitsplätze zu schaffen und den Gewerbestandort Witten weiter nach vorne zu bringen.

Christian: Gesamtgesellschaftlich und wirtschaftlich habe ich keine Ahnung, was vielleicht auch schon Teil des Problems ist. Ich lebe hier in meiner “Witten – Privatuni – Nachhaltigkeit – Feminismus – alles ist super – Blase”, während es um mich herum laut Statistik viele schlecht bezahlte Jobs, Kinderarmut und viele Fälle von häuslicher Gewalt gibt. Könnte Teil des Problems sein – weiß ich aber nicht.

Anna: Gute Frage, ich glaube in einigen Punkten haben viele Kommunen ähnliche Probleme, allein schon bedingt durch die chronische Unterfinanzierung und die steigenden Zuständigkeiten. Ganz unabhängig davon gibt es in Witten viele ungenutzte Potentiale in Studierendenschaft und Zivilgesellschaft. Man muss bestehendes koordinieren, Projekte unterstützen und vernetzen.

 

Was möchtest du konkret verändern?

Lea: Ich persönlich würde mich freuen, wenn ich als sachkundige Bürgerin in den „Jugendhilfe- und Schulausschuss“ kommen würde. Wir müssen flächendeckend über die Fördermöglichkeiten des Bildungs- und Teilhabepakets informieren und Schulsozialarbeiter*innen die nötigen Hilfen an die Hand geben, damit Fördergelder unkompliziert und zeitnah abgerufen werden können. Genau da möchte ich ansetzen und mich für die Chancengleichheit in der Bildung einsetzen.

Christian: Ich hätte gerne mehr kulturelle Angebote. Konzerte, Clubs und offene Bühnen, bei denen sich verschiedene Gesellschaftsblasen vermischen könnten. Aber auch für Kinder und Jugendliche mehr Angebote, bei denen mehr Selbstbewusstsein und Bewusstsein für die Gesellschaft entstehen kann. Offene Räume für kreatives Arbeiten und Förderung von Kindern, die sich keine Förderung leisten können.

Anna: Mit dem Sitz im Ruhrparlament steht jetzt auch die Zuteilung der verschiedenen Ausschüsse an. Über die Stadtgrenzen hinaus finde ich es super interessant, bestimmte Themen auf regionaler Ebene anzugehen. Besonders das Thema Interkultur, also die Stärkung von diversen Projekten der freien Szene halte ich für unbedingt notwendig. Das ist ein Bereich, der vielleicht nicht der naheliegendste ist, aber gerade für das Selbstverständnis einer Migrationsgesellschaft mit ethnischer Pluralität ist das ein Bereich, der nicht unterschätzt werden kann.

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