Wie viel ist ein Leben  wert?

 

 

Die Menschenrechte gelten entgegen ihrem Zweck nicht für alle. Unsere Autorin Carla macht sich hierzu Gedanken und interviewt Julia, die im Geflüchteten-Camp auf Samos gesehen hat, wie Menschen leben, denen diese grundlegendsten Rechte verwehrt werden.

VON CARLA FYDRICH

 

 

Mit Beginn der Corona-Pandemie haben die meisten NGOs ihr Personal von den Inseln abgezogen, was dazu führte, dass sich die bereits prekäre Gesundheitsversorgung im Camp weiter verschlechterte. Seit Jahren werden es immer mehr Menschen, die über das Mittelmeer flüchten und auf den griechischen Inseln landen. Ein Ergebnis des EU-Türkei-Deals: „Das Regime in Ankara bekommt Milliarden von der EU, damit es die Grenzen auch von seiner Seite her dicht macht. Wer es dennoch bis hierher geschafft hat, wird in den Lagern eingepfercht, um die Vielen, die in der Türkei weiter ausharren und auf eine Gelegenheit hoffen, von der gefährlichen Überfahrt abzuschrecken“. So beschreibt Julia die politische Situation, die zu den Zuständen auf den griechischen Inseln und an anderen EU-Außengrenzen führen in ihrem „persönlichen Bericht über die aktuelle Lage der Geflüchteten auf Samos, über den Kampf gegen Krankheiten und Rassismus – und die Notwendigkeit internationaler Solidarität“.

 

 

Was passiert mit marginalisierten Gruppen und wessen Gesundheit scheint etwas wert zu sein?

Gerade im Hinblick darauf, dass diese Gesellschaft sich laut Allgemeiner Erklärung der Menschenrechte einem humanistischen Weltbild verpflichtet, wachsen diese Fragen und deren von der Realpolitik gegebenen Antworten zu einer unendlichen Farce. Wie kann es sein, dass das Wohl von Menschen und die Entscheidung über Leben und Tod an einer Staatsangehörigkeit hängt, wenn doch „alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind“? Ich finde, dass es leider keine neue Feststellung ist, dass hier der Staat Deutschland ganz grundlegend an seinen eigentlichen Ansprüchen scheitert und nichts dagegen tut – die Corona-Krise hat das wieder einmal bestätigt. Julia schreibt in ihrem persönlichen Bericht:

„Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit, und nachmittags, auf dem Rückweg zu meiner Unterbringung, laufe ich im Hafen von Vathy an einem Schiff der Bundespolizei, „Küstenwache Uckermark“, vorbei. Eine große schwarz-rot-gelbe Fahne weht an seinem Deck. Und ich erinnere mich daran, wie die öffentliche Debatte zur „Flüchtlingskrise“ in Deutschland geführt wird, wie darüber diskutiert wird, als gäbe es unterschiedliche, gleichberechtigte Meinungen dazu. Als gäbe es die Option, Menschen das Leben zu retten, ihnen ein Grundrecht auf Unversehrtheit zu gewähren, oder eben nicht.“

 

Wieso bist du nach Samos gegangen, um dort zu arbeiten?

Julia: Mit der Corona-Pandemie kamen die vielen Aufrufe sich zu melden, um zu helfen und ich hätte ein komisches Gefühl, während einer Krise im Gesundheitswesen meine Profession als Pflegekraft nicht zu nutzen. Von den Stellen, bei denen ich mich beworben hatte, kamen allerdings keine Rückmeldungen und so habe ich begonnen, mich mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, in Griechenland arbeiten zu können. Über einen eher informellen Bewerbungsprozess bin ich dann bei einer NGO gelandet, die auf Samos aktiv ist und deren Koordinatorin mich auf Grund der schlechten Versorgungslage durch Corona direkt fragte: “Wann kannst du kommen?” Es war nicht mehr wirklich eine Entscheidung zu gehen. Ich dachte, “das deutsche Gesundheitssystem wird schon ohne mich klarkommen.“ Nach sehr viel Organisationsaufwand, einer schwierigen Anreise und zwei Wochen Quarantäne vor Ort begann ich dann zu arbeiten.

Es gibt auch außerhalb der griechischen Inseln viele marginalisierte Gruppen, die im Kontext dieser Krise einfach vergessen werden. So zum Beispiel auch obdachlose Personen in Deutschland oder eben auch Menschen außerhalb Deutschlands. Während Deutschland damit prahlt, wie viele Beatmungsbetten zur Verfügung stehen, sterben in Italien Menschen, weil dort keine Betten mehr frei sind. Ich habe die Wahrnehmung, dass es im individuellen Kontakt und im Kleinen mehr Solidarität gibt als vor Corona, zwischen Staaten jedoch eine verstärkte Betonung der Nationalstaatlichkeit stattfindet. Und da können sich reiche Staaten abschotten und kommen entsprechend besser durch die Krise als ärmere.

 

 

Wie war die Situation vor Ort und wie gestaltete sich die Arbeit in Zeiten von Corona?

Julia: Auf Samos gibt es ein Camp, das für die Unterbringung von etwa 700 Menschen gebaut wurde, die über das Mittelmeer nach Europa fliehen und dann auf der griechischen Insel ankommen und dort auf die Möglichkeit einer Weiterreise warten. Heute leben dort etwa 7000 Menschen. Im “Normalzustand” gibt es vor Ort für diese 7000 Menschen eine kleine Klinik mit verschiedenen Behandlungsräumen, Zugang zu physio- und psychotherapeutischer Behandlung, der Möglichkeit EKGs zu schreiben und ein paar Mikroskope. Es arbeiten dort Psycho- und Physiotherapeut*innen, Pflegekräfte und Ärzt*innen. Während Corona wurde alles auf eine Minimalversorgung zurückgefahren und eine normale Behandlung war nicht mehr möglich. Mit einem Team aus etwa 20 Personen wurde die Versorgung von etwa 7000 Menschen garantiert. Dabei müssen die Patient*innen in langen Schlangen auf eine Behandlung warten und haben aus Infektionsschutz-Gründen nur in schweren Fällen die Möglichkeit, drinnen in einem der Behandlungszimmer untersucht zu werden. Anamnesegespräche und auch kleinere Untersuchungen werden draußen durchgeführt, wobei der Schutz der Privatsphäre viel zu kurz kommt, alle Umstehenden können zuhören und alles muss sehr schnell gehen. Behandlungen, die normalerweise durchgeführt würden, können nicht stattfinden, so zum Beispiel bei Krätze, die relativ häufig vorkommt. Ein essenzieller Bestandteil dieser Behandlung ist die Reinigung von Klamotten und Wäsche – die Wäscherei hat aber aufgrund des Lockdowns geschlossen. Aus der unzureichenden Behandlung folgen dann Sekundärinfektionen.

Eine weitere Folge des Lockdowns und der Camp-Abriegelung ist, dass Frauen ihre Kinder verloren haben, weil sie zur besseren medizinischen Betreuung bei der Geburt nicht aus dem Camp rauskommen. Beschäftigungsangebote sind für die Menschen vor Ort wegen der fehlenden NGO-Arbeiten ebenfalls nicht mehr gegeben. Es folgen verhältnismäßig mehr Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt und Brände. Hinzu kommt, dass viele der dort lebenden Menschen traumatisiert sind und die psychologische und psychiatrische Betreuung während Corona nicht gewährleistet ist.

 Achtung: im PDF steht hier nur „Lebe“

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