Why are we sick?

Clara stellt sich dem, was besonders unangenehm ist: Den eigenen Rassismus aufdecken.

VON CLARA BÖHME

Ich bin mit der festen Überzeugung aufgewachsen, dass ich nicht rassistisch bin. Lange habe ich sogar geglaubt, dass in meinem direkten Umfeld eigentlich gar kein Rassismus existieren kann. Die Tatsache, dass ich nur auf Schulen gegangen bin, an denen der Großteil der Schüler*innen BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) waren oder einen Migrationshintergrund hatten, hat mich und alle in diesem Umfeld in meinem Selbstverständnis lange Zeit von jeglichem Rassismus befreit. Sozusagen nach dem Prinzip, jede rassistische Person würde dieses Umfeld offensichtlich meiden und demnach kann es dort auch keinen Rassismus geben. Heute weiß ich, dass das nie gestimmt hat. Viel schlimmer. Ich muss immer wieder auf eigene rassistische Denkmuster stoßen, die ich jahrelang nicht bewusst als solche wahrgenommen habe. Vielleicht auch nicht wollte. Dieser Text wird sich nicht mit der Frage beschäftigen, ob es in Deutschland „relevanten“ Rassismus gibt. Die Tatsache, dass weißer Rassismus und „white supremacy“ ein globales Problem sind, setze ich als gegeben voraus. Vielmehr bezieht sich dieser Text auf die Frage, die Sonya Renee Taylor ihre weißen Zuschauer*innen in einem Instagramvideo vom 5.6.2020 aufforderte, sich selbst zu stellen: „Why are we sick?“ Auf diese Aufforderung soll dieser Text eine Antwort geben. Zwar liegt die Antwort auf das „why“ vor allem historisch begründet - und ich bin der festen Überzeugung, dass sich jede weiße Person aktiv damit auseinandersetzen sollte - ich denke aber, dass es andere gibt, die dafür die nötige Expertise haben. Ich werde einige in diesem Text erwähnen, anstatt zu wiederholen, was ich in ihren Büchern und Hörbüchern aufgeschnappt habe. Eine Sache, die ich in meiner Auseinandersetzung mit Rassismus allerdings bereits gelernt habe, ist, dass Rassismus nie nur das Problem der anderen ist. Es ist keine theoretische Debatte, die man als weiße Person führen kann, ohne nicht auch über sich selbst nachzudenken. Egal mit welcher Abscheu man bekennenden Rassisten gegenübersteht. Im Folgenden werde ich also genau das tun, was besonders unangenehm ist. Als „nicht-rassistische“ Person meinen eigenen Rassismus aufdecken.

An dieser Stelle noch eine Triggerwarnung an Leser*innen, die möglicherweise selbst von Rassismus betroffen sind. Da ich im Folgenden versuche, meine eigenen rassistischen Denkmuster so offen wie möglich darzulegen, kann es sein, dass es für Menschen, die schon Opfer von Rassismus waren, verletzend ist. Ziel des Textes ist es nicht, diesen Gedanken mehr Raum zu geben, als sie verdienen. Es geht mir eher darum, sie zu benennen, um sie möglichst schnell überwinden zu können und vielleicht die eine oder andere Person zu erreichen, die sich in ihren eigenen Gedanken ertappt fühlt.

 

Eine der ersten Situationen, an die ich mich erinnere, wenn ich versuche, meinem eigenen Rassismus nachzuspüren, liegt in der Schulzeit, genauer gesagt in der Mittelstufe. Einige Schüler*innen, darunter auch meine damals engsten Freundinnen, beklagten sich immer wieder über den Rassismus einiger Lehrer. Heute erkenne ich, dass ich ihnen, ohne wirklich darüber nachzudenken, im Grunde genommen nicht geglaubt habe. Aber warum? Vielleicht fängt das Problem damit an, dass ich mich, im Gegensatz zu vielen anderen Schüler*innen, meine komplette Schulzeit lang eigentlich nie so richtig anstrengen musste. Ich gehörte zu einer kleinen Gruppe, die immer zu „den Klugen“ zählten. Diese Gruppe war fast vollständig geprägt durch die weißen Schüler*innen ohne sichtbaren Migrationshintergrund. Meine guten Noten bekam ich oft mit der Begründung, ich würde „viel wissen“ und mich „nur nicht genug anstrengen“, während andere, die nicht zu dieser kleinen Elite gehörten, oft schlechtere Noten bekamen, denn sie seien zwar „total fleißig“, aber da sei offensichtlich „nicht viel dahinter“.  Mit der gleichen unterschwelligen Arroganz, dem Wissen, ich sei etwas Besseres, habe ich auf meine Mitschüler*innen hinabgeschaut. Diese Dynamik zog sich durch meine komplette Schulzeit, als würde sie ganz natürlich dazugehören. Wenn ich heute darüber nachdenke, warum ich meinen Freundinnen nicht geglaubt habe, wenn sie sich über Rassismus im Alltag beklagt haben, dann fallen mir als erstes zwei Dinge auf. Erstens, ich hielt es für ausgeschlossen, dass meine Lehrer rassistisch sein könnten, wo sie doch an einer Schule in Neukölln unterrichteten und bestimmt nicht rassistisch sein wollten. Tupoka Ogette würde wohl sagen, ich habe mich verweigert, mein „Happyland“ zu verlassen. Der Begriff „Happyland“ wurde von der Aktivistin und Autorin geprägt und beschreibt den Zustand, in dem weiße Personen Rassismus reproduzieren, weil sie ihn als Teil einer Debatte betrachten, die sie selbst nicht betrifft. Also kurz gesagt: mich, bis vor wenigen Monaten. Zweitens, und dafür schäme ich mich eigentlich noch mehr, sticht das Privileg ins Auge, das ich aufgegeben hätte, hätte ich die Rassismuserfahrungen meiner Freundinnen als solche anerkannt. Bestimmt wären meine guten Noten nicht dahin gewesen, aber sicherlich ein Stück weit das Gefühl, dass ich sie verdient habe. Einer der ersten Sätze in Robin DiAngelo’s Buch „White Fragility “ über das Prinzip des Weiß-Seins ist: „it is a category of identity that is most useful when its’ very existence is denied “. Zwar möchte ich mir selbst unterstellen, dass ich mir dessen damals nicht bewusst war, aber ich kann auch nicht leugnen, dass mein instinktives Verhalten, ihnen nicht zu glauben, direkt auf diesen Satz zurückgeführt werden kann. Wäre eine ernsthafte Debatte über Rassismus an unserer Schule zustandegekommen, wäre es auch schwieriger geworden, sich davor zu drücken, die eigenen rassistischen Handlungen und damit auch die eigenen Privilegien zu hinterfragen.

Bis zur Oberstufe hatte ich bemerkt, dass meine Noten oftmals durch einen Vergleich bedingt waren. Ich denke sogar, dass meine Reflektion soweit ging zu erkennen, dass ich von meinem Weiß-Sein profitierte. Der Gedanke war aber nicht „ich profitiere davon, dass ich weiß bin und deshalb kein Opfer von rassistischer Diskriminierung und rassistischen Vorurteilen“. Das Gefühl, mit dem ich mein Privileg damals reflektiert habe war vielmehr „ich profitiere durch meinen Bildungshintergrund, der stark mit meinem Weiß-Sein verknüpft ist und die anderen Schüler*innen haben es schwerer, weil sie aus weniger gebildeten Haushalten kommen. Sie verhalten sich falsch, und dadurch entstehen die rassistischen Vorurteile.“ Ich habe nicht mich hinterfragt und reflektiert, sondern „die anderen“ und habe mein Weiß-Sein und meine Privilegien als eine Art „Ziel“ für die anderen Schüler*innen wahrgenommen. Sie sollten sich verändern.

Dazu muss ich betonen, dass ich zu diesem Zeitpunkt gleichzeitig der festen Überzeugung war, dass Political Correctness wichtig und PEGIDA Scheiße ist, Trump niemals gewählt werde würde und ich diese politische Einstellung auf jeglichen Schulstreiks verkünden muss. Hätte mich jemand gefragt, ich hätte mich vermutlich als anti-rassistisch bezeichnet. „Rassist ist, wer böse ist“ und „Rassismus kann nur auftreten, wenn ein Individuum die Absicht hat, rassistisch zu sein“ sind die beiden gesellschaftlichen Normen, die Tupoka Ogette als das Hauptproblem bei der Bekämpfung von Rassismus bezeichnet. Beide muss ich an mir selbst feststellen, so klar und deutlich, dass ich mich dafür schäme. Gleichzeitig ist es auf eine Art erleichternd, denn ich kann nicht mehr anders, als meinen eigenen Rassismus zu sehen und das macht es auch leichter, das Ausmaß von strukturellem Rassismus in unserer Gesellschaft zu verstehen.

Gerne würde ich jetzt damit enden zu behaupten, dass ich diese Denkmuster überwunden habe und als Paradebeispiel für eine Anti-Rassistin gelten kann, doch leider ist dieser Text noch nicht vorbei. Ich möchte noch einen weiteren Schritt meines Denkprozesses mit Euch teilen, der mir ebenso stark in Erinnerung geblieben ist. Es geht um Repräsentation.

Das Beispiel, bei dem ich anfing darüber nachzudenken, ist austauschbar und bedarf eigentlich keiner Erklärung. Trotzdem will ich kurz einen Kontext geben. 2018 gab es ein Werbeplakat der Krankenkasse DAK, das ein Paar zeigte: Sie ist weiß, er ist schwarz. Für das Foto gab es damals einen extremen rechten Shitstorm, der unter anderem von der AFD für eigene Zwecke verwendet und unterstützt wurde. Ein fünfminütiger Beitrag vom WDR, der mir vor ungefähr drei Monaten auf meiner Facebookstartseite zufällig vorgeschlagen wurde, erzählt von diesem Fall. Der Beitrag hat mich erstmal wütend gemacht. Auf die Rassisten, die nicht damit klarkommen, dass Weiß-Sein kein ausschlaggebendes Kriterium für Deutsch-Sein ist. Und ich habe mich gefreut, dass auf einem Werbeplakat einer Krankenkasse schwarze Menschen „repräsentiert“ werden. Je mehr schwarze Menschen in der Öffentlichkeit repräsentiert werden, desto schneller werden sie auch als normaler Teil dieser Gesellschaft akzeptiert. Das war der erste Gedanke, der mich nicht mehr losgelassen hat. Denn, so logisch er erscheint, was steht eigentlich dahinter?

„Schwarze Menschen werden repräsentiert“. In dem Moment, als ich die Reportage gesehen hatte, hatte ich sofort eine ganz klare Rollenzuschreibung parat. Ich hatte mir innerhalb von Sekunden eine Meinung über den Mann auf dem Foto gebildet. Wie seine Familie so drauf ist, wie er spricht, was er wahrscheinlich für Musik hört und, dass er auf jeden Fall gebildet ist. Denn ansonsten würde er ja nicht in dieser Werbung „repräsentiert“ werden, oder? Natür lich war das kein bewusster Denkprozess. Ich habe diese Gedanken auch nicht ausformuliert so gedacht. Und bis ich mich entschieden habe diesen Text zu schreiben, hätte ich sie niemals gesagt. Es war eher das Gefühl, zu wissen, wie er ist! Ich habe sofort an die BIPoC aus meinem Umfeld gedacht und ihm teilweise deren Verhaltensweisen zugeschrieben, während ich gleichzeitig eine Art gesellschaftliches Ideal, eine „Erfolgsgeschichte der Integration“ aus ihm gemacht habe. Das Foto wurde praktisch zu einer Art Projektionsfläche dafür, wie ich anscheinend denke, dass eine in der Öffentlichkeit stehende BIPoC Person zu sein hat. Über sie, die Frau neben ihm, habe ich währenddessen überhaupt nicht nachgedacht. Warum auch? Sie ist nur irgendeine unbekannte, mich nicht besonders interessierende Frau auf einem Werbefoto. Die Reportage hätte diese Einschätzung kaum mehr bestärken können. Gleich zum Einstieg wurde erzählt, dass der Mann auf dem Foto studiert, in Deutschland geboren ist und eine weiße Freundin hat. Wären das ausschlaggebende Informationen über eine weiße Person? Warum wird das in diesem Kontext so betont? Damit weiße Menschen davon überzeugt werden, dass die Hautfarbe kein Ausschlaggebendes Kriterium dafür ist, dass jemand einem bestimmten „Ideal“, einer bestimmten Vorstellung von „Deutsch-Sein“, nicht entsprechen kann. Zumindest war das der Gedanke, der sich in mir als erstes breit gemacht hat. Nach dem gleichen Prinzip, nach dem ich mich in der Schule, in meinem Dasein, als eine Art „Ziel“ für die anderen Schüler*innen gesehen habe. Das dahinterstehende Muster erkläre ich mir in vier Sätzen so: für mich hat „gebildet sein“ instinktiv immer auch „weiß sein“ bedeutet. Im Gegensatz zu weißen Menschen, müssen sich BIPoC ein gewisses Bildungsniveau viel härter erarbeiten, aber ich weiß, dass sie es auch schaffen können. Weil ich ja grundsätzlich gegen Rassismus bin, will ich, dass auch andere weiße Menschen das erkennen. Offensichtlich muss also jede BIPoC Person, die in positivem Kontext repräsentiert wird, genau diesem Bild entsprechen. Auch, um ein Gegenbeispiel zu sein, zu ihrem sonstigen, kriminalisierten Klischee.

Würde das reichen, mir nach und nach meinen Rassismus abzugewöhnen? Viel Repräsentation? Das Problem liegt doch eher darin, dass es als weiße Person grundsätzlich erstmal gerechtfertigt erscheint, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder Herkunft als „untergeordnet“, „weniger Wert“ oder „weniger intelligent“ zu betrachten. Ich muss an meine Schulzeit zurückdenken: offensichtlich hat mich die bloße Konfrontation mit BIPoC noch längst nicht von meinen rassistischen Denkmustern befreit. Nicht mal das Gefühl, als weiße Person im Schulkontext nicht in „der Mehrheit“ zu sein, hat das nicht geschafft. Die bloße Gewöhnung impliziert also noch längst nicht die aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen und dem eigenen Rassismus. Ich will nicht sagen, dass die Repräsentation von BIPoC in den Medien und in der Öffentlichkeit nicht wichtig ist. Mehr noch, die Aufnahme von Büchern schwarzer Autor*innen in den Lehrplan ist sicherlich ebenso eine Form der Repräsentation und könnte Kinder, wie mich damals, von der Vorstellung befreien, Bildung sei grundsätzlich weiß. Aber was ich an mir beobachten kann, zeigt ziemlich deutlich, dass Rassismusbekämpfung auf diese Art kein Selbstläufer ist. Eins wird ganz klar: Passivität ist nicht gesund.

„Hätte mich jemand gefragt, ich hätte mich als anti-rassistisch bezeichnet.“

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