Wahrheit vor dem Bildschirm

 

Eine kurze Geschichte, einer nicht so kurzen Lehrveranstaltung entsprungen.

 

VON NIKOLAS PEITZ

Welche wirkliche Wahrheit ist schon fröhlich? Wahrheit trifft. Wahrheit kann verletzen. Wahrheit deckt auf. Wahrheit kann vernetzen. Die traurige Wahrheit? Diese Zeilen wurden in einer Zeit geschrieben, in der meine Konzentration an einem anderen Ort weilen sollte, in der mit Begeisterung und Elan Zettel und Stift zum Mitschreiben in meiner Hand liegen sollten. Zu einer Zeit, in der sich jemand vor einem kleinen schwarzen Punkt Mühe gibt, nur mit Namen gefüllte Kästchen und einige wenige ausdruckslose Gesichter mit Verständnis zu erleuchten. Manchmal ist die traurige Wahrheit bezeichnender für die Momente, die wir erleben. Das Unangenehme. Das, was alle wissen und doch keiner sagt. Ein kleiner Fleck auf dem weißen Unschuldshemd, den niemand zugibt zu sehen. Zu groß ist die Gefahr auf sein eigenes Hemd schauen zu müssen und einen weiteren Fleck zu entdecken. Während die Kerze vor mir dramatisch in Richtung Dunkelheit herabbrennt, dämmert mir, dass die traurige Wahrheit nicht die Einzige ist, die meine digitalen Stunden quält. Sie hat noch eine Schwester: Die unangenehme Wahrheit. Endlich Digitalisierung im Studium! Welche Möglichkeiten, den alten Muff, den Staub eines prä-Instagram-Systems zur Kurs- und Prüfungsanmeldung hinter sich zu lassen. Zumindest meine Euphorie weicht dem drückenden Tag vor flimmerndem Bildschirm. Und wir, die ihren Alltag mehr in digitalen Welten als unter dem Himmel verbringen, tragen mit daran Schuld.

Der Wind vor meinem Fenster rüttelt an einem golden-rötlichem Blatt, schwenkt es von Krone, zu Stamm, zu Ast, zu Leidensgenossen. Getrieben, unstet, nur mit schmalem Stiel dem Baum verbunden. Ich denke an die letzten 30 Minuten und habe die unangenehme Ahnung, dass sich in jenem Blatt meine Konzentration widerspiegelt. Warum muss ich alles gleichzeitig erledigen und dabei doch nichts wirklich anpacken? Unzähmbar scheint die Reproduktionszahl der Tabs, die nebenbei meinen Bildschirm zu übernehmen drohen, und noch höher die Anzahl an Wischern, mit denen ich zwischen Welten hin und her navigiere. Wenn ich das nasse Blatt so anschaue, dann sehne ich mich nach Stillstand. Sich darauf zu konzentrieren, was ist. Die unzähligen Ideen, wie die voranschreitenden Minuten noch genutzt, was statt unproduktivem Zuhören noch getan werden könnte, wie dicke Wolken an einem grauen Himmel einfach ziehen zu lassen. Ja, es ist schwierig auszuhalten.

Wie könnte es auch anders sein, wenn meine Mails auf Abruf kommen, Youtube ohne Ladezeiten läuft, während ich gleichzeitig mit drei alten Freunden im Sekundentakt kommuniziere. Ich will den Stillstand länger aushalten. Ich schließe meine Tabs, schalte in den Vollbildmodus und blicke in die Gesichter, in denen ich meine Überlegungen wiedererkenne. Ich halte kurz inne, betrachte die gewundenen grünen Schlingen meiner stolzen Baumfreunde, die sich gemächlich ihren Platz an meiner Wand erobert haben. Vermutlich ist da noch eine Wahrheit. Eine, die traurig, unangenehm, fröhlich, beruhigend und verwirrend zugleich ist: Die Wahrheit, aus der diese Großfamilie von Wahrheiten entspringt: Meine Wahrheit. Meine Ideen, Wahrnehmungen, Erlebnisse und Gefühle, die ich euch schwarz auf Weiß als Wahrheit verkaufe. Wahrheit, der ihr zustimmen und widersprechen könnt, die ihr ähnlich erlebt und doch unterschiedlich wertet oder eine, die euch völlig fremd ist. Sie bleibt meine. Und doch teile ich sie, um darüber zu reden, zu diskutieren, nachzudenken. Vielleicht auch nur, um sie aus meinem Kopf zu haben, um ihr einen Platz zu geben, sie ein klein wenig wahrer zu machen als nicht-greifbare Überlegungen in meinem Kopf.

Wir alle haben unsere eigene Wahrheit, ihre wahre Stärke liegt nicht in ihrer Absolutheit, im Anspruch, die einzig Richtige zu sein, sondern im Austausch, im Teilen, sei es offline oder online.

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