Universität minus Gesellschaft

 

Haben wir den Wittener Geist aus den Augen verloren? Über seine Verwirklichung muss an dieser Universität genauso diskutiert werden, wie die Frage, ob wir seine Werte noch ernstnehmen und uns für gesellschaftliche Realität öffnen wollen.

 

VON STEVEN BERCHTOLD

Es gibt viele Präsidenten, die an dieser Uni verzweifelt und letztlich gescheitert sind. Rudi Wimmer und Birger Priddat, um nur zwei Namen zu nennen, die vermutlich den Wittener Geist verstanden und gelebt haben. Doch sie sind gescheitert. Es sind mittlerweile andere Faktoren wichtig. Die Machtverhältnisse dieser Universität sind sehr diffus, weil sie sich gut im Nebel von Harmonie und Zuversicht verbergen können. Ein Professor der Wirtschaftsfakultät maßt sich an, E&O Studierende auszuladen und seine Kollegen dazu anzustiften. Ob das jetzt irgendwelchen Studienordnungen gerecht wird, ist mir egal. Die Bürokratisierung dieser ach so persönlichen und nahbaren Universität führt dazu, dass der Weg zu einer Massenuniversität geebnet wird. Die Uni schreibt seit drei Jahren schwarze Zahlen. Es geht ihr finanziell gut, doch sie ist so leer, wie das Universitätsgebäude in Coronazeiten. 

Wenn man ehrlich ist, handelt es sich nur noch um ein teuer bezahltes Fernstudium. Es besteht überhaupt kein Anspruch mehr, sich an den Seminaren zu beteiligen und sie zu gestalten. Ausgeschaltete Kameras, Folien- und Monologexzesse und sternförmige Kommunikation lassen Seminare zu langweiligen und uninspirierenden Veranstaltungen verkommen. Die Studierenden schaffen es nicht, die Texte zu lesen und lassen sich davon lähmen. Die Dozent:innen hängen am Wortlaut des Philosophen oder Soziologen, den sie schon seit Jahren wiederkäuen. Ich sehe, dass sich die meisten nicht trauen, ihre Stimme zu erheben und frei zu denken. Es gibt auch kaum eine wirkliche und ehrlich gemeinte Sensibilität füreinander. Stattdessen wird eine kollektive Scheinharmonie orchestriert, die aber eher nach einer inauthentischen Kakophonie klingt.     

Der umgekehrte Generationenvertrag ist die einzige Errungenschaft, die die Uni in ihrer Geschichte geleistet hat, um Chancengleichheit herzustellen. Sie ist homogener, als sie sich über ihre emotionalisierenden Werbevideos vermarktet. Es sind subtile Selektionsmechanismen, die diese Universität steuern. Wo sind all die vielfältigen Menschen, denen man während des Studiums begegnen sollte, um die eigene Identität zu riskieren und zu lernen, „bei sich im Anderen zu sein“? Es wird viel von Diversität geschwafelt, um die man sich dringend bemühen müsste, damit die eigenen Überzeugungen irritiert werden. Stattdessen vergeudet man seine Zeit mit Sternchenphilologie. Wenn hinter den Worten ein geist- und seelenloses Wesen steckt, dann sorgen Worte nicht für Gleichstellung, sondern sind allenfalls gleichgültig. Traurig genug, dass sich Frauen über einen Sternchenfeminismus definieren müssen. Sigrun Caspary, die ich sehr schätze, hat nun eine Stelle, die sich darum kümmert. Man darf gespannt sein, ob es sich um einen Scheinposten handelt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen. 

Es geht um Wahrheit und Wahrhaftigkeit und davon hat diese Universität keine Ahnung. Die Fahnen wehen und verwehen, zerfleddern vielleicht bald. Man sollte sie auf Halbmast hängen, dann würden sie wieder auffallen. Zu wenige Studierende trauen sich und verweilen stattdessen gemütlich in ihren idealistischen Blasen, die von der Universität in clownesker Raffinesse produziert werden. Es gibt kaum Kritik, es gibt keine Persönlichkeiten. Es gibt keinen Widerstand. Der E&O Studiengang hat es geschafft, sich zusammenzuraufen und Widerstand zu leisten. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis er genauso zerbröselt wie die Kurefakultät. Sie ist eine Ansammlung von intellektuellen Einzelgängern gewesen und an fehlender Zusammengehörigkeit gescheitert. Erfolgreiche Manager suchen sich bei Umstrukturierungen das schwächste Glied mit dem geringsten Widerstand. Vielleicht war es richtig, die Kurefakultät zu schließen. Man hat es über die Jahre nicht geschafft, genug Menschen für sie zu begeistern. Vielleicht war sie zu lieb und hatte zu wenige Menschen, die sich selbst riskiert haben. Mir fehlten auch immer die Radikalität in der Kunst und der gesellschaftliche Bezug. Die Realität der Bahnhöfe und Fußballstadien war mir immer näher als Eurythmie und Rudolf Steiner. Wahrscheinlich tue ich ihm unrecht. Ich meine eben das echte Leben in seiner ganzen Tragik und Brutalität außerhalb von anthroposophischen Harmonieblasen. Wenn man dafür sensibilisiert gewesen wäre, hätte man sich vielleicht auch nicht monatelang vom Präsidium mit PowerPoint Visionen und inszenierten Ideenwettbewerben abspeisen lassen.

Ich kann mich noch erinnern. Vor einigen Jahren haben David Hornemann von Laer und ein paar Studierende den Systemkritiker und angeblichen Verschwörungstheoretiker Daniele Ganser eingeladen. Auch wenn ich Daniele Ganser mit Vorsicht genieße, aber diese Empörungswelle, die dann von allen Seiten losgetreten wurde. Oder wenn ich dann kürzlich höre, dass Flavio von Witzleben wegen einem harmlosen Dialog ausgegrenzt wird, dann wundert es mich nicht, aber es ist einer Universität nicht würdig. Ich habe es immer für falsch gehalten, den intellektuellen Diskurs nur für ausgewählte Meinungen zu öffnen. Warum nicht mal mit Nazis ins Gespräch kommen? Ist die Angst der Intellektuellen wirklich so groß, dass sich dieses Gedankengut wie eine Coronapandemie ausbreiten könnte? Dann bitte eben mit Mund- und Nasenschutz, aber wenigstens zuhören und reagieren! Vielleicht ist es der falsche Ansatz, Menschen eine Bühne zu bieten und mit ihnen zu reden, aber wenn jemand gegen den Dialog ist, dann bitte im Dialog dagegen Stellung beziehen und nicht einfach ghosten, diese Unsitte. 

Auch die Coronamaßnahmen, wie sie mit einer kritiklosen und devoten Haltung umgesetzt wurden. Man war stolz auf seine Hygienekonzepte und hat sich dafür stark gemacht, hybride Seminare zu organisieren. Leider scheiterten sie an fehlendem Equipment und einem erneuten Lockdown. Das Querdenken traut man sich schon lange nicht mehr zu, sondern überlässt es ausgerechnet denen, die es nur auf dilettantische Weise verwirklichen, aber sich nun damit profilieren können. Multiperspektivität, Offenheit, zur Freiheit ermutigen, nach Wahrheit streben, soziale Verantwortung fördern,… alles nur leere Begriffe und Floskeln, die zu Marketingzwecken ausgebeutet werden. Reicht nicht das Hochschulranking, um für sich zu werben? Redlicher wäre es zumindest. 

Eine Universität sollte aus meiner Sicht Gesellschaft abbilden oder sich zumindest mit ihr auseinandersetzen. Sie einladen zum Gespräch. Doch dafür fehlt die Diskussionskultur, die ich nun schon seit 10 Jahren vermisse. Ein intellektueller Mensch zeichnet sich für mich durch geistige Flexibilität und auch emotionale Intelligenz aus, die man nicht mehr voraussetzen kann. Da ist jemand Systemtheoretiker und das bleibt er dann sein Leben lang und redet nicht mehr mit einem Verfechter der kritischen Theorie. Welch traurige Entwicklung. Es langweilt mich zutiefst, wenn über Interdisziplinarität geredet wird. Fairer und ergebnisoffener Streit, Fehlanzeige. Man schwimmt in seiner eigenen epistemologischen Suppe und findet einfach nicht den Tellerrand. 

Wie langweilig… und das soll eine Universität sein, die den Anspruch hat, zu den besten und ungewöhnlichsten des Landes zu zählen? Dann muss man Angst um Deutschland haben. Wenn man nicht gelernt hat, zu streiten, dann kann man noch so viele Paper veröffentlicht haben und sich um seine akademische Karriere sorgen. Sie ist ein wertloses Statusobjekt und er, vor allem er, ist und bleibt eine gescheiterte Existenz. Und ich sehe hier viele, die gescheitert sind. 

Ich habe Weihnachten immer gehasst. Liebe heucheln, wo keine ist. Das schönste war für mich immer, als ich dafür gesorgt habe, dass es zur Eskalation des Streits kam. Einmal im Jahr ehrlich miteinander umgehen. Vielleicht sollten wir alle gemeinsam die Feiertage verbringen, uns Weihnachtsgeschichten von Ekkehard Kappler vorlesen und seine anarchistischen Thesen an den Kopf werfen. Der Wittener Geist wartet darauf, zu inkarnieren. Gefühlte 2000 Jahre ist es her, dass er Fleisch geworden ist.