Theater im Schauspielhaus Bochum

Asche zu Asche

VON THEDA VON DER RECKE

 

Nach langem Stillstand. Ein kleines Grüppchen Zuschauer. Im Schauspielhaus Bochum. Wartend auf die Vorstellung. Der Raum beleuchtet, wie von Tageslicht erfüllt. Alle sind dankbar und erstaunt. Nach Wochen, in denen Aufführungen pandemiebedingt nicht stattfanden, ist nun Theater wieder möglich. Und das kostenlos.

Es wird Harold Pinters 1996 uraufgeführter Einakter gezeigt – „Asche zu Asche“. Ein politisches Stück des absurden Theaters, in dem Pinter, der osteuropäische jüdische Vorfahren hat, die Shoa thematisiert.

Einige Lichter gehen aus und ein Mann und eine Frau starten ihren Dialog, der nun knapp eine Stunde dauern wird und in den ich mich erst zurechtfinden muss. Gedankenbilder prasseln auf das Publikum. Eine Flut von Assoziationen, hervorgerufen durch die Worte der beiden Schauspieler: „Ich ging hinaus in die gefrorene Stadt, gefrorener Schlamm. Der Schnee wirkte wie von Adern durchzogen. Er war nicht so eben, wie Schnee sein sollte. Er war gebuckelt. Und als ich zum Bahnhof kam, sah ich den Zug. Es waren noch andere Menschen da. Und mein bester Freund, der Mann, dem ich mein Herz geschenkt hatte, mein lieber, mein teuerster Gefährte, schritt den Bahnsteig ab und riss den schreienden Müttern ihre Babys aus den Armen.“

Zu Beginn drehen sich ihre Erzählungen um einen Mann. Dieser Mann taucht immer wieder auf im Dialog. Wer ist dieser Mann? Ist er ihr Liebhaber? War er es? Er sei ein Reiseleiter in Teilzeit. „Er war ziemlich weit oben, für vieles verantwortlich.“ Eine Art Führer. Er habe sie mitgenommen in eine feuchte Fabrik, wo Arbeitermenschen ihre weichen Kappen vor ihm zogen. Er führe ein strenges Regiment und sie hätten Respekt vor seiner Reinheit, seiner Überzeugung.

Im Stück scheint kein roter Faden erkennbar. Nur immer wiederkehrende Motive und Bilder, mit denen man die Zeit im 3. Reich assoziiert. Führer, Meer, Arbeiter, Fabrik, Züge, Babys, die aus Armen gerissen werden. „[…]Die Führer…geleiteten all diese Menschen über den Strand. Es war ein wunderschöner Tag. Es war ganz still, und die Sonne schien. Und ich sah all diese Menschen ins Meer gehen. Die Flut bedeckte sie langsam. Ihre Taschen tanzten auf den Wellen.“- „Wann war das?“- „Ach, übrigens hat mir neulich jemand von einem Zustand erzählt, der unter dem Namen mentale Elefantiasis bekannt ist.“

Sprunghafte Themenwechsel über Nebensächliches und Tiefgehendes verwirren. Die ganze Zeit über will man verstehen. Das Gehirn versucht krankhaft einen Zusammenhang zwischen Dialogfetzen zusammenzufügen. Aber es bleiben viele Fragen.

Was für eine Beziehung haben die beiden? Sind sie ein Paar oder waren sie es? Was ist überhaupt der Inhalt des Gesprächs? Sie diskutieren. Und streiten sie womöglich? Sie erzählt viel. Ziemlich wirr. Sie scheint auch psychisch labil. Er versteht nicht alles, fragt nach und bekommt keine Antworten, versucht aber hinterherzukommen und auch zu verstehen. Genau wie der Zuschauende.

Sie scheint traumatisiert. Trägt sie eine Schuld, mit der sie nicht klarkommt? Irgendwie scheinen beide verloren mit sich selbst und unfähig einer Kommunikation, die sie den anderen verstehen lässt.

Harold Pinter (1930-2008), ein britischer Autor, Nobelpreisträger, dessen Leben von Worten bestimmt war, ist der nach Shakespeare meistgespielte und einflussreichste britische Dramatiker. Pinter sagt selbst, dass seine Charaktere dazu neigen, Worte nicht zu benutzen, um auszudrücken, was sie denken oder fühlen, sondern um zu verschleiern, was sie denken oder fühlen.

Am Ende bleiben nur die Bilder und kein Sinn. Die kostenlosen Getränke am Ende des Stücks werden gar nicht getrunken. Jeder flüchtet hinaus an die frische Luft, hinaus aus dem Bilderdschungel. Es bleibt ein Stück, das verwirrt und tief berührt, vor allem aber regt es zum Nachdenken an.

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