Seenotrettung ist nicht

verhandelbar!

 

Claus-Peter Reisch war für Mission Lifeline als Kapitän tätig. Im Interview mit unserer Kommilitonin Giulia sagt er, wenn wir unsere europäischen Werte an den Außengrenzen so grausam verteidigen, haben wir sie schon verloren.

 

EIN INTERVIEW VON GIULIA PRIOL

 

 

Wer sind Sie und wie sind Sie zur Seenotrettung gekommen?

Mein Name ist Claus-Peter Reisch, ich komme aus Landsberg am Lech und ich habe bis Ende 2008 eine Industrievertretung für Sanitär- und Heizungsprodukte betrieben. Seit ich die verkauft habe, widme ich mich den schönen und angenehmen Dingen des Lebens. Ich bin sehr viel gesegelt, aber das auch schon seit meinem 14. Lebensjahr. 2015 bin ich dann zu einer Reise aufgebrochen, von Sardinien nach Griechenland und zurück. Auf dieser Reise habe ich damals, in den Häfen an der Kalabrischen Küste, abgewrackte libysche Fischerboote gesehen, mit denen die Menschen übers Meer gekommen waren. Mit diesen Booten würde ich nicht weiter rausfahren, als ich selber reinschwimmen kann, denn diese Boote sind nicht mehr seetauglich, das sind ganz alte Möhren. Das hat mich erschüttert, weil dieses Meer, in dem die Leute ersaufen, da gehen wir baden und fischen und das ist noch nicht mal wahnsinnig weit weg. Ich habe mir dann gedacht, ich fahre da einfach mal mit und schaue mir das selbst an. So kam es, dass ich dann im April 2017 die erste Mission gefahren bin.

 

Was war Ihr einschneidenstes Erlebnis als Kapitän des Rettungsschiffes Lifeline?

Das war als wir mit der Lifeline innerhalb von drei Tagen insgesamt 450 Menschen gerettet haben. Von diesen 450 Menschen haben wir 235 auf dem Schiff gehabt, den Rest haben wir an Autotransporter und an einen Containerfrachter übergeben. Da uns kein europäischer Hafen die Menschen anlanden ließ, bin ich dann vor der maltesischen Küste auf und ab gefahren und habe gewartet, wie es weitergeht, denn es war klar, dass wir nicht nach Libyen zurückfahren. Die Genfer Flüchtlingskonvention, Artikel 33, besagt ganz klar, dass das nicht geht. Es war das Unwetter, das uns dann zur Hilfe kam. Ich konnte sagen, dass ich eine Schutzposition brauche, um das Wetter abzuwarten. Ich hatte ja schon 150 seekranke Menschen auf dem Schiff, davon fünf im Krankenhaus, die wegen Dehydrierung an einer Infusion hingen. Irgendwann hat man uns dann in den Hafen reingebeten.

 

Welche Konsequenzen hatte das?

Das Schiff ist bis heute beschlagnahmt und man hat dann versucht, mir einen Strick aus irgendwelchen Paragraphen zu drehen. Das ging los, mit der Beihilfe zur unerlaubten Einreise und ging sogar so weit, dass man mich gefragt hat, wie viel Geld ich von den Flüchtlingen genommen hätte, um sie auf das Schiff zu nehmen. Das ist völlig absurd. Wir nehmen von diesen Leuten kein Geld, woher sollen die auch welches haben? Das haben die Libyer denen auch schon lange abgenommen. Am Ende ist nur der Vorwurf geblieben, das Schiff sei nicht richtig registriert. In meinen Augen ist das reine Schikane. Ich fahre jetzt am siebten Januar zum 12. Mal zum Gericht nach Malta. Manchmal dauert das auch nur drei Minuten. Da kommt man dann in den Gerichtssaal rein, der Richter schlägt sein Terminbuch auf und sagt, „wir vertagen auf den soundsovielten, wiedersehen“. Diese drei Minuten kosten mich aber drei Tage Zeit.

 

Wie ging das Verfahren aus?

In der ersten Instanz bin ich zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt worden, die ich an den Erzbischof von Malta bezahlen soll, damit er das Geld für seine Flüchtlingsarbeit verwendet. Ich habe den Erzbischof damals auf dem Friedhof getroffen, am Tag nach der Urteilsverkündung und er hat mich in den Arm genommen und hat gemeint, wenn du 10.000 Euro brauchst, damit du die Strafe bezahlen kannst, sag Bescheid, ich leih sie dir, denn ich krieg sie ja eh wieder. Daran kann man schon sehen, was der Erzbischof von diesem Urteil hielt.

 

Bis heute laufen noch Verfahren gegen Sie?

Natürlich hat mein Verhalten Konsequenzen. Aus Sizilien habe ich einen Zahlungsbefehl bzw. Strafbefehl liegen über 300.000 Euro, weil ich mit der Eleonore dort in den Hafen eingelaufen bin, mit 104 Leuten auf dem Deck. Ich hatte vorher notwendigerweise den Notstand erklärt. Es waren sieben Tage und Nächste mit 104 Menschen auf 46qm Raum. Also weniger als ein halber Quadratmeter pro Person. Dazu kam ein Gewitter, nach dem alle nass waren und die Unterkühlung drohte. Ich riskiere nicht das Leben dieser Menschen, nur weil eine Behörde meint, mir das zu verbieten. Das ist durch nichts zu rechtfertigen. Da finde ich zivilen Ungehorsam absolut richtig. Über die Konsequenzen werden wir uns dann hinterher unterhalten und erfahren, wie ehrlich der Staat mit sich selbst ist. Wenn wir unsere angeblichen europäischen Werte mit so einer Grausamkeit verteidigen, dann haben wir sie schon verloren.

 

Wie kommt es dazu, dass die Menschen keinen anderen Ausweg mehr sehen als über das Meer nach Europa zu flüchten?

Es gibt drei prinzipielle Fluchtursachen, den Klimawandel, kriegerische Auseinandersetzungen, die übrigens immer mit Material aus der sogenannten “Ersten Welt” befeuert werden, denn in Afrika werden kaum Waffen hergestellt, und

dann natürlich wirtschaftliche Gründe, die aber tatsächlich ebenfalls von der Ersten Welt verursacht werden. Diese Menschen machen sich auf den Weg, stranden dann irgendwann im unsäglichen Libyen und werden von den Schleppern ausgenommen, die Frauen in die Zwangsprostitution geschickt und letztlich, wenn nichts mehr zu holen ist, mehr oder minder, aufs Meer hinaus entsorgt. Mit welchem Recht wollen wir diese Menschen nicht retten? Damit man kapiert, dass es so keinen Weg nach Europa gibt? Europa, Friedensnobelpreisträger, ich habe da so meine Zweifel. Man kann über Flüchtlinge und Migration diskutieren, wie man will, aber die Rettung der Menschen aus Seenot ist in meinen Augen nicht verhandelbar.

 

Was genau hat die sogenannte “Erste Welt” mit dem Leid in anderen Ländern zu tun?

Wir leben hier in einer „Hauptsache mir geht’s gut Gesellschaft“. Es gibt kaum jemanden, der nicht in Urlaub fährt oder fliegt, es gibt kaum jemanden, der kein Auto hat, es gibt kaum jemanden, der keinen Fernseher hat. Wir leisten uns, dass wir fast ein Drittel der Lebensmittel, die in Deutschland erzeugt und gekauft werden wegschmeißen. Wir leben in diesem Überfluss auf Kosten von anderen Leuten. Wir sind aber nicht bereit, die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen. Es gibt so viele Dinge, die man einfach abstellen könnte, wenn man das wollte, um die Fluchtursachen zu bekämpfen, denn die sind das eigentliche Thema. Die Seenotrettung ist letztlich nur wie eine Aspirin, dich ich nehme, damit der Zahn gerade mal nicht wehtut. Aber ich gehe nicht an die Wurzel. Ohne eine Wurzelbehandlung, werde ich mit dem Aspirin nicht aufhören können. Das heißt, man muss diese Menschen retten, auf See, aber man muss vor allem dafür sorgen, dass die Menschen sich nicht auf den Weg machen.

 

Was könnte Deutschland konkret anders machen?

Aufhören mit Waffenexporten in die Drittweltstaaten. Man muss die Bürgerkriege in diesen Ländern stoppen, indem man denen die Nahrung entzieht und die Nahrung sind die Patronen und die Gewehre. Das nächste ist die Geschichte mit der Wirtschaft. Man könnte damit anfangen, die Wirtschaft in den afrikanischen Ländern nicht weiter systematisch zu zerstören. Es kann nicht sein, dass wir in Europa und speziell in Deutschland Milch produzieren, die auch mit unseren Steuergeldern finanziert wird und sie dann als Milchpulver in den Senegal verkaufen. Dadurch werden Menschen arbeitslos. Im Senegal gehen Jobs verloren. Die Familien müssen trotzdem ernährt werden. In Kamerun sind die holländischen Zwiebeln günstiger als die eigenen und machen den dortigen Absatzmarkt kaputt. Die komplette Wertschöpfungskette Textilwirtschaft wird durch unsere Kleiderspenden zerstört. Es wird in Afrika sehr viel Geld in Bildung investiert und diese ist notwendig, aber sie vertagt das Problem nur. Ob ich jetzt einen arbeitslosen ungebildeten Menschen habe oder jemandem mit einer Schulausbildung und einem Studium, zum Schluss haben beide keine Arbeit. Das heißt, ich muss schauen, dass es qualifizierte Arbeitsplätze gibt.

 

Bereuen Sie was?

Nein, ich habe 2018/2019 mit der Lifeline und Eleonore insgesamt über 550 Menschen mit den Crews zusammen das Leben gerettet, da gibt es nichts zu bereuen, auf keinen Fall.

 Mir ist es wichtig, dieses Thema nicht verschwinden zu lassen. Es muss in der Öffentlichkeit gehalten werden. Ich hoffe, dass so Politiker*innen zu Änderungen in ihrem Denken veranlasst werden können. Seehofer und Söder haben sich beide zur Seenotrettung bekannt, obwohl sie zuvor entschiedene Gegner waren. Wenn die Menschen dann hier sind, können wir darüber reden, ob es gerechtfertigt ist, dass sie Asyl beantragen, aber die Seenotrettung einzustellen geht überhaupt nicht. Unsere Generation hat Flucht, Hunger und Krieg so nie kennengelernt. Unsere Großeltern wissen eher, worum es da geht. Wir kennen es von Filmen. Die Realität zu erleben, ist etwas ganz anderes. Ein Mädchen, das auf der Lifeline friedlich mit seiner Puppe im Arm auf dem dreckigen Boden schlief, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Mir standen Tränen in den Augen. Ich hoch auf die Brücke und dachte, genau deswegen mache ich das.

 

Was kann jeder und jede persönlich tun?

Zivilcourage tut jedem gut. Man kann nicht wegschauen, bei den großen Themen, aber auch bei Momenten in der U-Bahn nicht. Wichtig ist für alle: Zur Wahl gehen, wenn es eine Wahl gibt. Vor allem für die jungen Menschen: Es ist eure Zukunft. Nicht zu wählen ist eine Katastrophe. Außerdem sollte man reflektieren, was man mit dem eigenen Konsum oder generellen Verhalten anrichtet und man kann überlegen, was man verändern kann. Ich bin auch nur ein Einzelner.

 

Im laufenden Verfahren in Italien wurden bereits 206.000 Euro von Mission Lifeline zur Bezahlung von Reischs Strafzahlungen gesammelt. Im Verfahren in Malta wurde er freigesprochen.

Reisch trennte sich 2020 von Mission Lifeline aufgrund von Meinungsverschiedenheiten.

  • Facebook Social Icon
  • Instagram

©2020 Pottpost.