Ritter Export > Tannenzäpfle

Eine gebrochene Lanze für die größte Kleinstadt Deutschlands.

VON MAX SCHULZE-STEINEN


Ich studierte noch meinen sozialwissenschaftlichen Bachelor in Bochum und fand mich an einem späten Samstagabend auf einer Wittener House-Party wieder. Es wurden Birkenstocks getragen, Gin-Tonic’s getrunken, unironisch über Thomas Hobbes’ „Leviatan” geredet und jede Geschichte der Backpacking-Tour durch Vietnam, Kolumbien oder Namibia war mehr life-changing als die andere.
Auf der Tanzfläche wurde sich zu den neuesten underground „das ist ein Kollege von mir und hat schon in Berlin aufgelegt“ Techno-Beats bewegt. Man tanzte mal mit dieser, mal mit der anderen Person und manchmal unterhielt man sich danach sogar noch. 

Ich und dieses eine Mädchen haben viel getanzt, uns über die Nacht hinweg viele Blicke zugeworfen und sind irgendwann in einem Gespräch mit flirty Note versunken. Zugegeben – ich war mir recht sicher, dass wir uns, eher über kurz als über lang, zu den anderen knutschenden Leuten der Party gesellen würden. Doch dann wurde eine Gesprächspause mit der eigentlich harmlosen Frage gefüllt, die sich zu dem Cockblocker des Abends herausstellte: „Sag mal Max – wo kommst Du eigentlich her?“
- ich, in Witten geboren und aufgewachsen, verstehe bis heute nicht, was an meiner Antwort irgendwie unsexy war. 

 

Ein gutes Jahr später. Mein Bachelor in Bochum ist in den letzten Zügen und ich habe mich für einen Master in Witten beworben. Aus Interesse und um die Uni tatsächlich mal von innen zu sehen, gehe ich zu einem, in der regionalen Zeitung beworbenen, abendlichen Vortrag, welchen oikos UW/H organisiert hat.

Thema: Bürger:innen Uni – bedingungsloses Grundeinkommen. Besucher:innenzahl: 30 Personen. Profil: Interessierte Bürger:innen. Die Luft im Raum riecht nach Gedanken.

Nach einer kurzen Begrüßung von engagierten Studis legt der eingeladene junge Wissenschaftler los. Zwar flammt hier und da das Wort „Grundeinkommen“ auf, doch redet er dann über philosophische Dimensionen hinter dem „Ermöglichbaren“. Bodenständigen Fragen, die von den interessierten Bürger:innen mitgebracht wurden, wie etwa: „Wie kann das Grundeinkommen bezahlt werden?“, „Wie stehen die Chancen, dass das Grundeinkommen kommt?“, „Wie viel wird es?“, bleiben unbeantwortet. Der Mann, der neben mir sitzt, guckt nach den ersten 10 Minuten mehr auf sein Handy als zum Redner. Und das Einzige, was mir aus dem Vortrag hängengeblieben ist, ist das T-Shirt des Wissenschaftlers „Was würdest Du tun, wenn Du kein Geld verdienen müsstest?“

- ich, kurz vorm Abschluss meines Bachelors, habe nichts verstanden.

 

Ich studiere nun in Witten. Meine Kommiliton:innen kommen aus den verschiedensten Orten und Ländern. Es macht Bock hier. Im zweiten Semester wollen wir einen Tag gemeinsam verbringen. Es werden einige “Witten-Aktivitäts-Klassiker” vorgeschlagen, doch geeinigt wird sich nicht. Ich halte mich bei der Diskussion zurück. Ich will der Gruppe nicht meinen “Witten-Frame” aufdrücken – sollen die für sich entdecken, was sie mögen. Als zum Abendessen das Café del Sol vorgeschlagen wird, kann ich nicht mehr an mich halten. Ich grätsche in das Gespräch und umreiße einen Banger von einem Plan inklusive Natur, Kultur, beste Falafel und nachts in die Ruhr springen. Der Plan findet kollektives Kopfnicken. Kurz danach fragt mich ein Kollege aus Italien, wie es sein kann, dass ich hier so viel kenne. Ich sei doch auch erst seit knappen acht Monaten hier. „Buddy, du weißt doch. Ich bin hier aufgewachsen.“ Unverständnis bei meinem Gegenüber: „Was? Witten ist doch Industriestandort und ehemals Kohle. Ich dachte, hier macht man ‘ne Ausbildung und geht nicht in die Uni?“

- ich, auf den Weg zu meinen Eltern, frage, wann sie das letzte Mal eingefahren sind und Kohle aus dem Flöz gekloppt haben.

 

(Spätestens) an diesem Punkt kann man mal vorsichtig anfragen, was ich eigentlich sagen will?!
Und das ist eine gute Frage. Was will ich eigentlich? Meinem Lokalpatriotismus etwas Luft machen? Schöne Seiten von Witten bewerben? Vielleicht habe ich ja auch eine versteckte bezahlte Partnerschaft mit dem Wittener Stadtmarketing? Oder will ich einfach nur die Erinnerung an diese Party und den Korb verarbeiten? 

Vielleicht will ich aber auch einfach nur dafür plädieren, mit offenen Augen durch Witten zu gehen. Probieren, die Ruhrpott-Kultur unironisch zu genießen. Dinge zu sagen, wie sie sind und sie nicht in “Blender-Poser-Reden” zu verpacken. Lasst uns nicht von der, zugegeben, hässlichen Fußgängerzone abschrecken. Lasst uns nicht probieren, die alternativen Szenen aus Berlin oder Leipzig nach Witten zu importieren. Lasst uns lieber Export trinken – kein hippes Tannenzäpfle. Wenn ich das trinken will, fahre ich in den Schwarzwald und guck mir dabei Wildschweine an. Und die kann ich mir auch im Wildgehege auf’m Hohnstein angucken + gratis Streichelzoo danach. Hier gibt’s Fiege, Veltins und Ritter. Hier gibt’s Trinkhallen und Kioske – und die heißen nicht Späti! Hier gibt’s herzliche Menschen abseits vom Wiesenviertel; und apropos Wiesenviertel. Ist geil. Danke UW/H für die engagierten Studis, die das zum Leben erwecken. Aber noch weit in das erste Semester an der UWH hinein, war ich zutiefst davon überzeugt, dass man nur in das raum Café rein darf, wenn man in Witten studiert.
 

Lasst uns unser Ding machen und die UW/H Bubble etwas aufweichen – bis bald.