Ibrahim Hourani

 

Er studierte an der Al-Azhar

Universität in Kairo islamische Rechtswissenschaften.
Er ist seit sechs Jahren Imam der
Al-Ummah e.V. Gemeinde
in Gelsenkirchen.

Fritz Barkey

Er hat Theologie studiert und anschlißend den Pastoralkurs absolviert.
Seit 2004 ist er Priester in Witten.

Religion war gestern, oder?


Religionen polarisieren und stehen häufig in der Kritik. Warum der Glaube dennoch einen Sinn hat, erklären der katholischer Priester Fritz Barkey
und der Imam Ibrahim Hourani


VON THEDA VON DER RECKE

 

Wie wird man Pfarrer/Imam? 

Ibrahim Hourani: Der Begriff Imam kann verschieden definiert werden, kommt aber rein sprachlich von "Amam", was "vorne" bedeutet. Im heutigen Kontext wird also derjenige, der das Gebet leitet (derjenige, der vorne steht), Imam genannt.

Generell kann jeder Imam sein, der die Verstandesreife hat, die Regeln des Gebetes kennt und so viel vom Koran auswendig kann, wie er für das Gebet braucht.

Der "Imam" als eine Art Beruf ist noch etwas mehr, und in der Regel kann das jemand machen, der eine Ausbildung dazu absolviert hat. Zu seinem Aufgabenbereich zählt zusätzlich zum Vorbeten: die Freitagspredigt halten, die Festpredigten und Gebete führen, Totenwaschungen und Totengebete führen, im Ramadan das Nachtgebet leiten und auf allgemeine Fragen antworten können.

Fritz Barkey: "Pfarrer" ist ein Rechtstitel in der katholischen Kirche. Die eigentliche Berufsbezeichnung ist "Priester". Ich bin Priester geworden, weil ich von meinem Heimatpfarrer (dem jetzigen Erzbischof von Paderborn, Hans-Josef Becker) darauf angesprochen worden bin. Die Ausbildung sah folgendermaßen aus: Voraussetzung ist die Allgemeine Hochschulreife. Dann beginnt ein 10-semestriges Theologiestudium. Davon habe ich vier Semester in Salamanca, Spanien, studiert. Der Abschluss war das Diplom. Heute nennt sich das "Magister Theologiae".  Dann beginnt die zweite Phase der Priesterausbildung: der so genannte Pastoralkurs. Das ist die Vorbereitung zur pastoralen Befähigung zum Dienst in der Kirche. Ein wichtiger Meilenstein in dieser Phase ist die Diakonenweihe. Der Abschluss der gesamten Ausbildung ist die Priesterweihe. Nach sieben Dienstjahren habe ich das so genannte Pfarrexamen abgelegt und damit das Recht erworben, eine Pfarrstelle, also eine Leitungsstelle in der Kirche zu übernehmen. Seit 2004 bin ich in Witten, dies ist meine vierte Pfarrstelle mit der Leitung von fünf Pfarreien im Pastoralen Raum Witten.

 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus als Pfarrer/Imam?

Ibrahim Hourani: Der Alltag eines Imams besteht hauptsächlich darin, die fünf Gebete rechtzeitig vorzubeten und freitags die Predigt zu halten. Meistens gibt es am Wochenende Unterrichte für Klein und Groß, das ist aber von Imam zu Imam unterschiedlich. Man muss dazu sagen, dass die wenigsten Imame in Deutschland "vollzeit" als Imam tätig sind und meistens selbst einer anderen Tätigkeit nachkommen müssen.

Fritz Barkey: Als Pfarrer habe ich vier Aufgabenbereiche: 1. Liturgie = Gottesdienste feiern; 2. Verkündigung = Sakramentenpastoral (Erstkommunionvorbereitung, Firmvorbereitung etc.); 3. Caritas = Seelsorge an bedürftigen Menschen; 4. Verwaltung der Pfarreien. Ich habe keine festen Arbeitszeiten. In der Regel bin ich abends in Verwaltungssitzungen.

 

Was unterscheidet den Glauben Ihrer Religion von dem der anderen Religion. Was grenzt Sie vom Christentum/Islam ab?

Ibrahim Hourani: Das ist eine sehr komplexe Frage, auf die man nicht so nebenbei eingehen kann. Der Islam versteht sich als Religion Gottes, der aus Barmherzigkeit und Liebe zu uns Menschen alle Propheten entsandt hat. Deswegen glauben wir an z.B. Moses und Jesus und sie zu lieben ist verpflichtend im Islam - genauso wie den Propheten Mohammed. Das bedeutet, Gott hat Propheten entsandt, um die Menschen von der Dunkelheit ins Licht zu führen und ihnen beizubringen, wo sie herkommen, was der Sinn des Lebens ist und was nach dem Tod passiert. Und das haben die Propheten auch getan... und immer, wenn die Menschen sich abirren haben lassen, hat Gott einen neuen Propheten geschickt, um sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Zum Ende hin sogar mit Schriften, die die Propheten bekommen haben, damit die Menschen nach dem Tod des Propheten die Wahrheit aus der Schrift entnehmen können. Nur leider wurden diese Schriften von Menschenhand verändert, sodass die reine Wahrheit nichtmehr erkennbar war. So hat Gott wieder einen neuen Propheten entsandt. Und das ganze bis zum Propheten Mohammed, der den Koran als Buch offenbart bekommen hat. Darin stehen unter anderem die Antworten auf die oben genannten Fragen und der Beweis für uns Muslime, dass der Koran die volle und unverfälschte Wahrheit beinhaltet, dass Gott nach dem Propheten Mohammed keinen weiteren Propheten mehr geschickt hat. Und in diesem Buch steht, dass auch kein weiterer Prophet mehr kommen wird. So versteht sich der Islam nicht als eine eigenstellige Religion neben den anderen, sondern vielmehr als "das letzte Update" der Religion Gottes.

Fritz Barkey: Mit drei großen Festen unterscheiden wir Christen uns von anderen Religionen: 1. Weihnachten: das Christentum ist die einzige Religion, die glaubt, dass Gott Mensch wird. Der allmächtige Gott wird in einem Stall als Kind geboren. 2. Ostern: wir Christen glauben an den leidenden Gott. Der allmächtige Gott lässt sich ohnmächtig ans Kreuz schlagen und stirbt. Nach drei Tagen steht er von den Toten auf. 3. Pfingsten: wir Christen glauben an den dreifaltigen Gott (Vater, Sohn, Geist). Gott ist in sich Beziehung und Bewegung, Vielfalt in der Einheit.

 

Wie finanziert sich Ihre Gemeinde eigentlich?

Ibrahim Hourani: Die Gemeinde finanziert sich hauptsächlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Es gibt andere Gemeinden, die manchmal eine Art Laden für die Mitglieder haben oder gar ein Kaffee oder Restaurant.

Fritz Barkey: Die Pfarrei bekommt nach einem Schlüsselsystem, das sich an die Zahl der Gemeindemitglieder orientiert, Kirchensteuermittel. Die fließen in einen exakt strukturierten Etat. Eine weitere Finanzquelle sind Spenden und Kollekten.

 

“Religion, das braucht der moderne aufgeklärte Mensch doch nicht mehr”, was würden Sie darauf antworten? 

Ibrahim Hourani: Aus religiöser Sicht besteht der Mensch aus Leib und Seele. Und beides hat Bedürfnisse, welche sich nach der Herkunft ihrer richtet. Das heißt, der Körper kommt von dieser Welt und sehnt sich nach allem, was sie beinhaltet, zum Beispiel Essen, Trinken, Sexualität, Geld, Reichtum etc. Die Seele kommt von Gott und sehnt sich nach Spiritualität, der Nähe zu Gott, dem Gedenken und Beten. Und wenn man Leib und Seele nicht in ein Gleichgewicht bringt, wird der Mensch unglücklich, unerfüllt und lenkt sich nur noch mit weltlichen Dingen ab. Das geht soweit, dass eine kleine Prüfung oder ein Verlust direkt zu Suizid führen kann und die Menschen viele psychische Erkrankungen und Depressionen haben. (Wenn man sich die Selbstmordrate in den "aufgeklärten" Ländern anschaut, erschreckt man sich). Und deswegen ist der "aufgeklärte Mensch" aus islamischer Sicht einfach nur jemand, der seine Seele vernachlässigt, meist weil man sich nicht an religiöse Gebote/Verbote halten will.

Fritz Barkey: Der Mensch ist ein transzendentes Wesen. Das heißt, er hat eine Affinität zum Religiösen. Auch der moderne aufgeklärte Mensch braucht Rituale, Zeichen und Symbole, die aus dem Religiösen entnommen sind.

 

Was kann die Religion, der Sie angehören, den Menschen in Corona-Zeiten geben? Wie tut sie das ganz konkret?

Ibrahim Hourani: Zu den Verständnissen im Islam gehört, dass Gott dieses Leben zu einer Prüfung für uns gemacht hat, um zu schauen, wer von den Menschen am besten handelt (Koran: Kapitel 67, Vers 2). Und eine dieser Prüfungen ist auch diese Pandemie. Da geht es darum, ein stärkeres Verhältnis zu Gott zu pflegen und den Menschen so gut es geht ein Nutzen zu sein und ihnen nicht zu schaden. Da der Muslim weiß, was nach dem Tod passiert, sollte er deswegen keine große Angst davor haben, sondern sich mit Dingen beschäftigen, die ihm nach dem Tod einen Nutzen darstellen. Das heißt, die Religion zeigt dem Mensch in diesen Zeiten besonders, was wichtig im Leben ist, und was "nur Ablenkung" war. Auch, welche Charaktereigenschaften man selbst hat, die man verbessern kann. Und wie jeder einzelne “Nutzen” für die anderen darstellen kann.

Fritz Barkey: Als religiöser Mensch mit einem christlichen Glauben schöpfe ich Hoffnung und Zuversicht aus diesem Glauben. Mein Gottvertrauen gibt mir Kraft und Stärke, Corona zu überwinden.

 

Was ist Sünde?

Ibrahim Hourani: Auch hier könnte man sehr umfangreich antworten. Um es grob zusammenzufassen: Eine Sünde stellt all das dar, was Gott missfällt. Jedoch ist jeder Mensch ein Sünder, nur der beste der Sünder ist derjenige, der bereut (Aussage des Propheten Mohammed). Deswegen besteht unser Leben darin, die Zufriedenheit Gottes zu erlangen und wenn wir sündigen, dies zu bereuen.

Fritz Barkey: Gott hat einen Bund mit den Menschen geschlossen. Die zehn Gebote sind die Bundesverfassung, das Grundgesetz. Wenn ich gegen die Gebote verstoße, entferne ich mich von Gott, ich sondere mich ab - das ist Sünde (= sich ab-sondern).

 

Ist Polygamie vertretbar?

Ibrahim Hourani: In der islamischen Theologie ist Polygamie vertretbar, es kommt aber auf die gesellschaftliche Lage und individuelle Situation an. Beispiele aus der Geschichte sind, wenn nach einem Krieg viele Männer gestorben sind und deswegen viele Frauen und Familien keinen finanziellen Halt mehr hatten und die Vaterrolle fehlte etc. Für diese Situation war zum Beispiel die Polygamie aus islamischer Sicht vertretbar, um diese Familien aufzufangen. Allerdings ist dies in Deutschland illegal, deswegen bleibt es eine reine Theorie.

Fritz Barkey: Polygamie ist eine funktionale Lebensform des Alten Testaments, der Antike. Das Christentum hat diese primitive Form überwunden. Wir Christen leben in der Monogamie. Es geht um die Liebe zwischen zwei Individuen. Die personale Liebe kann nur zwischen zwei Menschen gelebt werden.

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