Rückentwicklung und Egoismus statt Umbruch oder Stillstand

Gedanken über den Egoismus der Menschheit auf einer langen Zugfahrt aus der Schweiz nach Witten.

VON HENDRIK HELLMER

Schon lange bevor es eine große Krankheitswelle brauchte, damit die Gesellschaft sich zurückbesinnt und realisiert, herrschte Rastlosigkeit. Großteile der Welt befinden sich im Umbruch. In Richtung einer Rückentwicklung, in der Vergangenes unreflektiert vergessen wird und Egoismus vorherrscht. Rechtspopulistische Tendenzen sind nicht Ausdruck einer gemeinsamen geschlossenen Gesellschaft, sondern Ergebnis einer ekelhaften Fehlorientierung. Rechtspopulisten erklären eine eigene Auffassung des „gemeinsamen“ Lebens, bei dem sie andere ausgrenzen wollen, stützen diese mit billigem Populismus und tun bei all dem vor allem eines: Sie stellen sich selbst rücksichtlos in den Vordergrund und projizieren oder gar schieben, in ihrer egozentrischen Anschauung gefangen, ihre eigenen Probleme auf andere.

Eine funktionierende Gesellschaft beruht auf einem gesunden Miteinander. Auf Kooperation, Rücksicht und Toleranz. Schon wenn es in diesem System nur wenige gibt, die sich mit diesen Werten nicht identifizieren können, kann dies ausreichen, um ein Ungleichgewicht entstehen zu lassen. Das trifft dann auch all jene, die die o.g. Werte einer auf Gegenseitigkeit beruhenden Gesellschaft respektieren und leben. In einem Kartenhaus, in dem jede Karte eine andere stützt, sinnbildlich für Respekt und Toleranz in der Gesellschaft, reicht es aus, wenn wenige Karten ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen und alles bricht zusammen.

Unweigerlich könnte bei Menschen, die unsere Gesellschaft respektieren und nach ihren Normen leben, auch Hass und Wut ausbrechen. Sie könnten womöglich mitgezogen werden, wenn sie realisieren, dass ein Teil dieser Gesellschaft nicht mehr nach diesem Grundsatz lebt.

 

In den letzten Monaten haben diverse „Krisen“ offengelegt, wie kaputt unsere Gesellschaft ist. Einige Beispiele. Impfgegner. Es gibt Menschen, die in gesunden Verhältnissen mit unzähligen Privilegien der westlich industrialisierten Welt aufwachsen. Sie leiden keinen Hunger, müssen keine Angst vor Seuchen haben oder vor schwerer Krankheit. Sich ausruhend auf diesem ganz und gar nicht selbstverständlichen Luxus, denken sie es wäre sinnvoll und unglaublich alternativ, sich allgemeinen Schutzmaßnahmen zu entziehen, die wissenschaftlich erwiesenermaßen mehrere Krankheiten ausgerottet und heute Schutz für Millionen von Menschen darstellen. Dass sie sich selbst dieser Gefahr aussetzen, ist schlichte Dummheit. Egoismus hingegen in der Hinsicht, als dass sie damit alle anderen (teilweise lebensgefährlich) gefährden, die noch nicht geimpft sind.

Ein Neugeborenes, welches noch nicht alt genug für eine Masernimpfung war (erst ab 11 Monaten), starb an den Folgen dieser Erkrankung, nachdem eine Mutter mit ihrem wissentlich ungeimpften und an Masern erkrankten Kind in einer Kinderarztpraxis dieses ansteckte. Diese wunderbar querdenkende und so pseudo „systemkritische“ schlaue Frau hat nicht nur ihr eigenes Kind gefährdet, sondern durch ihre Rücksichtlosigkeit ein anderes getötet.

Kommen wir zum Fleischkonsum. Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat sich am 02.07.2020 hierzu folgendermaßen geäußert: „(…) die Bevormundung, dass Fleisch einmal die Woche reicht. Für einen Büromenschen auf dem Vegan-Trip vielleicht – für den Bauarbeiter nicht. Wenn der nur einmal die Woche Fleisch kriegt, fällt er am dritten Tag vom Gerüst herunter.“ Herr Aiwanger beweist hier stolz unterirdische Kenntnisse hinsichtlich energietragender Ernährungsprofile, wenn er denkt, dass Fleisch einen Arbeitenden durch den harten Tag bringt. Das ist, abgesehen von idiotischem Lobbygelaber, Anstoß für eine seit Jahren bestehende Diskussion. Jeder weiß, dass exzessiver Fleischkonsum, von der Haltung der Tiere, bis zu ihrem CO2 Footprint weder nachhaltig noch ethisch vertretbar ist. Wenn ein Politiker, der sich seiner medial gesellschaftlichen Reichweite bewusst sein sollte, so etwas Dummes von sich gibt, dann ist das egoistisch.

Egoistisch sind alle Menschen mit Macht, Reichweite und dem entsprechenden Publikum, die sich, geleitet von Lobbyaufträgen, vorlegen lassen, was sie zu reden haben und dann Aussagen oder sogar politische Entscheidungen treffen, die weitreichende (negative) gesellschaftliche Folgen haben. Egoistisch verirrte, die gelenkt von der Fleisch- oder Autoindustrie beispielsweise ein Tempolimit verweigern oder den Ausstieg aus Verbrennungsmotoren und Kohlekraft. Wenn wir an unsere gemeinsamen Werte der Gesellschaft zurückdenken, dürfte ein Politiker, der genau diese Werte und Interessen des Volkes vertreten soll, so eine, offensichtlich dem gemeinsamen Wohl der Gesellschaft langfristig schadende Entscheidung nicht treffen.

Maskenpflicht. Ich trage eine Maske nicht primär für mich selbst, sondern auch für den Schutz der anderen. Wenn jeder eine Maske trägt, verringert sich dementsprechend das Risiko mich anzustecken. Was ist so schwer daran eine Maske zu tragen, bei diesem offensichtlichen Vorteil, bei dieser sich ergebenden Möglichkeit andere zu schützen, als gemeinsames wir zu denken. 

Ich denke, dass in einer gesunden Gesellschaft, in der rücksichtsvoll und altruistisch gedacht wird, nie Diskussionen hätten auftreten dürfen über die auf der Hand liegenden Notwendigkeiten von Impfungen oder des Tragens einer Maske im öffentlichen Verkehr. Alles andere ist Egoismus, fehlende Auseinandersetzung mit der Thematik und Abwesenheit von jeglichen Gefühlen für ein gemeinsames Zusammenleben. Wenn du reflektiert genug wärst, müsste dir der Staat gar keine Masken oder Impfungen vorschlagen. Da würdest du selbst draufkommen.