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„Ist das verdächtig?“

Zwischen Kritik, Zweifel und handfester Verschwörung.

VON SOPHIE BETHKE

 

Frei äußerbare Zweifel und Kritik in und an politischen Prozessen konstituieren demokratische Gesellschaften. Wo endet der Zweifel, wo beginnt die Verschwörungstheorie? 

Verschwörungstheorien sind anhaltende Überzeugungen über das zielgerichtete, gesellschaftsschädigende und konspirative Wirken von als mächtig gelesenen Gruppierungen. Jene Überzeugungen sind in sich geschlossen und entziehen sich der wissenschaftlichen Methode der Falsifikation – jeder empirische Gegenbeweis wird Teil der Theorie. Klassisches Muster: Die „Mächtigen“ müssten sich bewusst Fehler erlauben, sonst sei die Verschwörung zu einfach erkennbar, zu perfekt.

 

Aufgrund dieser Immunisierungstaktik werden in der Wissenschaft zunehmend die Begriffe Verschwörungsideologie bzw. -mythos verwendet, da eine Theorie impliziert, dass ihr eine theoretische Grundlage vorausgeht, die wissenschaftlichen Standards entspricht. Sollte eine Verschwörungstheorie tatsächlich falsifizierbare Aussagen beinhalten, spricht man eher von Verschwörungshypothesen. Einige Teile der Flat-Earther-Bewegung würden ein „echtes Foto“ der Erde als Kugel als Beweis gelten lassen (Hypothese); andere Kreise würden die Möglichkeit eines solchen Beweises per se abstreiten (Ideologie/Mythos).

 

Im Unterschied zu bewusst getätigten Fake News, die politisch motiviert eine objektiv falsche Version eines Geschehnisses verbreiten (oder dieses komplett erfinden), können Verschwörungsideologien durchaus Produkt ausführlicher Recherchen sein und sind typischerweise keine bewussten, böswilligen „Fehlinterpretationen“, obgleich hier Vorurteile sicher den Weg der Recherche vorzeichnen können.

Zufälligkeiten werden von ihnen stets so interpretiert, dass sie zu einem vermeintlichen Muster passen und Diskrepanzen innerhalb der Erzählung ausgeblendet. Die Komplexität sozialer Interaktionen wird häufig auf monokausale Befehlsketten der „Mächtigen“ heruntergebrochen. Als Beispiel können hier Chemtrail-Ideologen gelten, die Messungen von Behörden nicht akzeptieren und gleichzeitig an ein enorm großes Netzwerk von Mitwissenden glauben müssen, wenn global alle Flugzeuge bewusstseinsverändernde Chemikalien spritzen.

 

Verschwörungsmythen erleben vor allem in Zeiten des Umbruchs und großer Ereignisse, die das eigene Wohlergehen und die Gesundheit gefährden, besonderen Aufschwung. Sie treten somit als Reaktion auf schwierig zu greifenden Situationen auf und besitzen häufig einen realen Kern, dessen restlicher Inhalt bzw. der darum gesponnene Mythos wissenschaftlich nicht haltbar ist. Verschwörungsmythen sind oft sehr spektakulär und üben durch ihre allumfängliche Welterklärung große Faszination auf uns Menschen aus. Ausgehend davon, dass es eine sogenannte „Mainstream-Meinung“ (z.B. die Regierungsposition) gäbe, stellen sie Alternativerklärungen bereit. Ihre Medienkanäle sind dementsprechend häufig auch „alternativ“ - viele Informationsquellen entsprechen nicht der klassischen Form der Weiterbildung: Videos auf Youtube, anonyme Blogposts, Telegram-Kanäle. Eine Wertung ist hier nicht zwangsläufig angebracht – die Art, wie wir Wissen konsumieren, wird sich wahrscheinlich auch immer weiter von der klassischen Form entfernen. Allemal sollte es uns aber zu denken geben, wenn die Entfremdung so weit fortgeschritten ist, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung bezüglich der Impfsicherheit und des Zustands der Nation einem veganen Fernsehkoch im lederbestücktem Porsche mehr Glauben schenkt, als einem/r international anerkannten Virolog:in.

 

Die Tendenz, an Verschwörungsmythen zu glauben, wird von Forscher:innen als Verschwörungsmentalität betitelt. Menschen mit einer Verschwörungsmentalität zeigen ein allgemeines und übermäßiges Misstrauen gegenüber Personen(-gruppen) mit höherem sozioökonomischen Status auf. Verschwörungsmythen erfüllen verschiedene persönliche sowie soziale Funktionen. Sie bieten einen Erklärungsansatz für bedrohliche und kaum greifbare Situationen. Dadurch stellen sie eine Form der Strategie dar, die vermeintlich Sicherheit und Kontrolle in eine als chaotisch empfundene Welt bringt und auf diese Weise Angst und Machtlosigkeit reduziert. Jede Krise oder Katastrophe findet so ihren eindeutigen Schuldigen. Weiterhin können Verschwörungsmythen von der eigenen Verantwortung entlasten, denn wer beispielsweise nicht an die Existenz einer weltweiten Pandemie glaubt, der/die muss sich auch nicht mit den teils komplizierten Maßnahmen beschäftigen. Neben solchen Bewältigungsstrategien kann verschwörerisches Denken ebenso das Bedürfnis nach Einzigartigkeit befriedigen. Dabei hat die Person das Gefühl, anders und den anderen Menschen überlegen zu sein, sodass auf diese Weise vermutlich auch das Selbstwertgefühl gesteigert wird. Somit sind Verschwörungsmythen oftmals auf psychologischer Ebene funktional.

 

Eine aktuelle Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung beschreibt, dass etwa ein Drittel der Deutschen, unabhängig vom Auftreten der COVID-19-Pandemie, für Verschwörungsmythen empfänglich sind. Die klassischen Verschwörungsgläubigen gibt es dabei nicht, da sie über alle Bevölkerungsgruppen hinweg, sprich weitestgehend unabhängig von Alter, Intelligenz, Bildungsstand, Geschlecht und Religion, auftreten. Sie sind nämlich, zumindest als Denkmöglichkeit, schon seit Jahrhunderten weit verbreitet.

Warum ist das Thema nun überhaupt wieder im Fokus? Waren Tupac ist nicht tot, Area 51 und der Mondlandungs-Fake noch relativ harmlose Verschwörungsideologien, so haben die Hypothesen und Mythen um Corona eine ganz andere Qualität erlangt.

Durch vermeintliches Wissen über Krankheitsverlauf, Prävention oder Impfschäden entsteht oftmals ein erhöhtes Risikoverhalten für sich selbst und andere, das beispielsweise durch eine strikte Verweigerung von Schutzimpfungen geprägt ist. Bei Demonstrationen werden auf gesundheitlicher Ebene Hygieneregeln nicht eingehalten und auf inhaltlicher Ebene diverse Verschwörungsmythen miteinander verstrickt, die in fragwürdigen Vergleichen mit dem Dritten Reich und Holocaustverharmlosung enden. Wollte man womöglich zunächst nur gegen bestimmte Gesundheitsmaßnahmen demonstrieren, findet man sich schnell zwischen Rechtsextremen wieder, die diese Plattformen mit eigenen Inhalten unterwandern. Die Autorin Margarete Stokowski merkte hier kürzlich an, dass sich leider „eine Reichsflagge und eine Regenbogenflagge nicht gegenseitig neutralisieren und sich auch nicht ein Hitlergruß und ein Sonnengruß gegenseitig aufheben“. Grundsätzlich problematisch ist der Gedanke, sich in einem wie auch immer gearteten Widerstand zu befinden. Denn im Widerstand ist alles erlaubt und die Gefahr der Radikalisierung steigt.

Wie können wir nun mit dieser Problematik sinnvoll umgehen? Antworten können nicht allgemeingültig gegeben werden. Können faktenbasierte Argumentationen in Diskussionen sonst durchaus wirksam sein, kann dies bei Anhänger:innen von Verschwörungsideologien jedoch schnell zur Verfestigung ihrer Überzeugung führen. Hierbei sollte nicht vergessen werden, dass die Überzeugungen von Verschwörungsgläubigen aus psychologischer Sicht oftmals sinnvolle Bewältigungsstrategien darstellen. Folglich sollte man ihnen weder respektlos noch mit Häme begegnen. Zwei Punkte können an dieser Stelle hilfreich sein: Sich die Verschwörung komplett erklären lassen und eine konsistente Erzählung einfordern. Je umfänglicher der Erklärungsanspruch einer Verschwörungstheorie ist, desto inkonsistenter werden die Rollen einzelner Akteure. Zudem nach den Quellen zu fragen, warum sie glaubwürdig erscheinen und Gegenfragen stellen. Auch hier werden Argumentationsketten schnell löchrig und die Personen geraten ins Stocken und ggf. sogar Zweifeln. Und ja, solche Diskussionen sind schwierig, aber führen müssen wir sie trotzdem.