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„Einfach nur willensschwach?“

Unsere Autorin hat eine Suchterkrankung, hier spricht sie über die Stigmatisierung von Suchterkrankten, wo diese herkommt und warum sie selber anonym bleibt


Sonntagabend, 20:00 Uhr, der Joint brennt. Während ich kiffe, mache ich mir Gedanken über den Pottpost-Artikel zum Thema Stereotype, den ich schreiben will. Und ja, ich könnte jetzt über die Vorurteile dem Kiffen gegenüber schreiben, über die Prohibition und wie selbige dafür gesorgt hat, dass Cannabis illegal ist, dass Kiffen an sich doch ne nice Sache und Alkohol ja gesundheitlich viel schädigender ist. Der Konsum von Cannabis wird von vielen Vorurteilen begleitet. Doch ich stecke persönlich grade in einem anderen Prozess. Ich habe mir letztes Jahr meine Sucht eingestanden und warte gerade auf meinen ambulanten Reha-Platz. Ich werde dieses Problem nach gefühlt 100 auf eigene Faust gestarteten – und gescheiterten – Anläufen, endlich versuchen mit professioneller Hilfe in den Griff zu bekommen. Mir meine Sucht einzugestehen und die Therapie anzugehen ist mir verdammt schwergefallen und das ist primär meinen eigenen Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Suchterkrankungen geschuldet.

Doch fangen wir erst einmal von vorne an. Was ist eigentlich ein Stereotyp so genau? Worin unterscheidet es sich vom Vorurteil? Und was war das jetzt genau mit der Stigmatisierung? Stereotype gehören zu einer jeden Gesellschaft und dem menschlichem Zusammenleben dazu. Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt Verhaltensweisen, Menschen, Situationen und Erleben zu kategorisieren, um schnelle Reaktionen und Handeln möglich zu machen. Der Mensch trifft am Tag um die 35.000 Entscheidungen (Sahakian 2013) – stellt euch Mal vor wie unser Tag aussehen würde, wenn wir vor jeder Entscheidung, die wir treffen, uns die Zeit nehmen uns rational damit auseinanderzusetzen und alle Handlungsoptionen, sowie unterschiedliche Perspektiven gegeneinander abzuwägen. Wir würden unsere Wohnung nicht mehr verlassen. Die kognitiven Abkürzungen, die wir unbewusst durch Stereotype nehmen, ermöglichen es uns also handlungsfähig zu sein und schnell in unserer (Um-)Welt navigieren zu können.

Um die Begriffe voneinander abzugrenzen, möchte ich diese gerne einmal kurz definieren. In der Sozialpsychologie sind Stereotype erstmal feste Vorstellungen von Eigenschaften und Verhaltensweisen, die einer Person aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit zugeschrieben werden. Zum Beispiel: „Alle Deutsche trinken gerne Bier“. Diese Zuschreibungen können positiv, negativ sowie auch neutral sein. Die Hauptfunktion von Stereotypen ist die Reduktion komplexer Informationen (Social Psychology 2017). Während Stereotype kognitiver Natur sind, gehen Vorurteile immer mit einem negativen Affekt (fancy psychologischer Begriff für Emotionen) einher. Vorurteile sind stabile negative (und ungerechtfertigte) Einstellungen gegenüber einer Gruppe, die mit stereotypen Überzeugungen und negativen Gefühlen den Gruppenmitgliedern gegenüber einhergehen (Social Psychology 2017). Zu guter Letzt die Stigmatisierung: Das Wort Stigma kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt „Brandmal“. Die Träger:innen eines Stigmas sind also „gezeichnet“ mit einem sichtbaren oder unsichtbaren Merkmal, welches durch die Gesellschaft stark abgewertet ist (Aydin und Fritsch 2015). Ein sichtbares stigmatisiertes Merkmal, welches die Träger:innen nicht verstecken können, wäre zum Beispiel Übergewicht. Sucht zählt zu den unsichtbaren Merkmalen, da es den Träger:innen nicht direkt anzusehen ist. Stigmata beinhalten also gesellschaftlich geteilte und sehr vereinfachte Wissensstrukturen über das Merkmal (Stereotype) sowie negative Affekte und vorurteilsbehaftetes Verhalten (Diskriminierung) gegenüber den Stigma-Träger:innen (Aydin und Fritsch 2015). Welche Merkmale Stigmaqualität besitzen, werden durch soziale Definitionsprozesse bestimmt und sind historischem und kulturellem Wandel unterlegen (Petersen und Six 2008). Als Stigma-Träger:in ist man natürlich trotzdem auch Teil der Gesellschaft und es kommt häufig genug vor, dass die gesellschaftlich negativen Vorstellungen/Einstellungen ins Selbstbild übernommen werden. Diesen Prozess nennt man Internalisierung des Stigma beziehungsweise auch Selbststigmatisierung (Vogel et al. 2013).

Nachdem wir die Prozesse, die wir uns anschauen wollen, nun einmal geklärt haben, lasst uns über Sucht sprechen. Der Kaffee am Morgen, die Zigarette in der Pause und das Bierchen am Abend mit Freunden. Der Großteil aller Menschen konsumiert regelmäßig abhängig machende Substanzen, doch ab wann spricht man im klinischen Rahmen von einer Sucht? In der Psychologie gibt es zwei Diagnosemanuale die ab und zu auch scherzhaft als „Bibel“ bezeichnet werden: den DSM-5 und das ICD-10. Der DSM-5 (kurz für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wird von der American Psychiatric Association (APA) herausgegeben und enthält nur psychiatrische Diagnosen, während das ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben wird und das Wichtigste, weltweit anerkannte Klassifikationssystem für alle medizinischen Diagnosen darstellt. Sowohl der DSM-5 als auch der ICD-10, treffen eine Unterscheidung zwischen schädlichem Gebrauch von Substanzen (Synonym auch: „Substanzmissbrauch“) und der Substanzabhängigkeit (fancy Wort für Sucht) . Der schädliche Gebrauch beziehungsweise Substanzmissbrauch ist definiert als gesundheitsschädliches Konsumverhalten (körperlicher oder psychischer Art), welches nicht die Kriterien einer Substanzabhängigkeit erfüllt.

Von einer Substanzabhängigkeit kann nur gesprochen werden, wenn innerhalb des letzten Jahres mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt werden (Dilling et al. 2015; Falkai 2015):

  1. Starker Konsumdrang, also ein starker Wunsch oder Zwang die Substanz zu konsumieren

  2. Kontrollverlust (bezüglich Beginn, Ende und Menge des Konsums)

  3. Toleranzentwicklung (ich brauche mehr von derselben Substanz, um das gleiche Gefühl herstellen zu können)

  4. Körperliche Entzugssymptome

  5. Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums.

  6. Anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen

Den Zahlen zufolge, die das deutsche Gesundheitsministerium 2021 veröffentlichte, sind in Deutschland 1,6 Millionen Menschen von einer Alkoholabhängigkeit betroffen. Weiter sind geschätzt 2,3 Millionen Menschen von Medikamenten abhängig und es gibt rund 600.000 Menschen, die einen problematischen Konsum von Cannabis oder anderen illegalen Drogen aufweisen. Die Entstehung einer Suchterkrankung hat, wie fast alle psychischen Krankheiten, ihren Ursprung in einem Wechselspiel aus ungünstigen biologischen, psychologischen und sozialen Bedingungen (Neurobiologie der Abhängigkeit 2012). Außerdem gibt es natürlich noch die substanzbezogenen Bedingungen, die insbesondere für die Entstehung einer körperlichen Abhängigkeit von Relevanz sind (Neurobiologie der Abhängigkeit 2012). Es gibt außerdem eine kleine genetische Komponente (Heimann et al. 2010), sowie einige nachweisbare neuronale Grundlagen (Yalachkov et al. 2012), die immer wieder als Argumentationsgrundlage dafür herhalten müssen, dass es sich bei Abhängigkeitserkrankungen tatsächlich um Krankheiten handelt.

Obwohl die Entstehung einer Abhängigkeit und die Behandlung der Erkrankung mittlerweile gut erforscht worden sind, halten sich bestimmte Vorurteile in unserer Gesellschaft hartnäckig, die immer wieder auch mit einer Diskriminierung von Betroffenen einhergeht. Das hauptsächliche Vorurteil im Zusammenhang mit einer Suchterkrankung, ist immer noch die angebliche Charakterschwäche von Betroffenen. Entweder im Framing von: „Sie wollen sich einfach nicht mit ihrem Problem auseinandersetzen“ oder „Sie besitzen nicht genug Willensstärke“ für ein abstinentes Leben (Die Willensstärke, die jeder Versuch mit dem Konsum aufzuhören braucht, wird in diesem Narrativ natürlich einfach ausgeklammert). Das stereotype Bild eines Menschen mit Abhängigkeitserkrankung ist gezeichnet durch negative Persönlichkeitszuschreibungen: Betroffene werden nicht nur als willensschwach, sondern auch als disziplinlos, rücksichtslos, manipulativ und unzuverlässig charakterisiert. Einhergehend damit ist der Glaube verbreitet, das Süchtige tendenziell gefährlich sind und man sich besser von ihnen fernhält. Was all diese Überzeugungen gemein haben, ist die persönliche Schuldzuweisung, die damit einhergeht. Für keine andere psychische oder körperliche Erkrankungen werden Betroffene so sehr persönlich verantwortlich gemacht, wie für eine Abhängigkeitserkrankung. Und nicht nur die Allgemeinbevölkerung weist negative Einstellungen gegenüber Abhängigkeitserkrankten auf, auch die Behandler:innen (Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen, Pflegepersonal, etc.) sind häufig nicht frei von Stereotypen, Vorurteilen und diskriminierendem Verhalten. Diese Haltung gegenüber Abhängigkeitserkrankten in unserer Gesellschaft geht mit einer Reihe weitreichender Probleme einher, die sich gegenseitig bedingen und einen langen Rattenschwanz nach sich ziehen.

Ein Großteil der Abhängigkeitserkrankten sucht sich erst sehr spät im Krankheitsverlauf Hilfe, meistens nachdem ein absoluter Tiefpunkt im Leben erreicht wurde und die Erkrankung schon viel Schaden im Leben der Betroffenen angerichtet hat. Gründe dafür liegen unter anderem in dem großen Schamgefühl der Betroffenen, der Angst vor sozialer Ausgrenzung nach Bekanntwerden der Sucht oder Schwierigkeiten damit sich den problematischen Konsum einzugestehen. Studien zeigen, dass das Wissen um die Vorurteile und die negativen Einstellungen gegenüber Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen die Bereitschaft behindern kann, sich professionelle Hilfe zu suchen (Schomerus 2011; Lloyd 2013). Zusätzlich haben die Stigmatisierungen und Diskriminierungen erhebliche Auswirkungen auf die Qualität der Behandlungen, die Betroffenen gehören zu den unbeliebtesten Patientengruppen unter Behandler:innen (Schomerus 2011). An der Stelle möchte ich einmal kurz einwerfen, dass ich die Frustration von Behandelnden, die lange in dem Beruf arbeiten, gut nachvollziehen kann, wenn Rückfälle Teil des Krankheitsbildes sind und viele Abhhängigkeitserkrankte nicht langfristig aus dem Suchtkreislauf ausbrechen können. Aber dann müssen wir etwas an dem System und der Gesundheitsversorgung ändern. Die Frustration mit dem Krankheitsbild sollte nicht an den Erkrankten ausgelassen werden und die abwertende Behandlung von Menschen rechtfertigen.

Ein weiteres Problem in der Behandlung von Abhängigkeitserkrankten ist die hohe Komorbidität von Suchterkrankungen. Komorbidität bedeutet, dass eine Grunderkrankung (in diesem Falle Sucht) vorliegt, die von mindestens einer weiteren Erkrankung (z.B Depressionen) begleitet wird. In einer deutschen Studie aus dem Jahr 2017 mit fast 200.000 Proband:innen wurde gezeigt, dass über die Hälfte der stationär behandelten Menschen mit Abhängigkeitserkrankung, auch unter weiteren psychischen Erkrankungen leiden (Dauber et al. 2018). Hierbei handelt es sich hauptsächlich um affektive Störungen (z.B Depressionen) oder Angststörungen (Dauber et al. 2018). Die Komorbidität wird natürlich nicht ausgelöst durch die Stigmatisierung. Ein deutlich erhöhter Substanzkonsum beeinflusst durch seine Wirkung auch die Ausschüttung von Neurotransmittern und bringt das empfindliche Gleichgewicht des zentralen Nervensystems der Betroffenen aus der Balance. Das birgt ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen. Aber es zeigt sich, dass die Stigmatisierung und die damit einhergehende Selbststigmatisierung zu Selbstwertproblemen, Problemen mit der Selbstwirksamkeit und Schuldgefühlen führt (Schomerus 2011). Somit erhöht die Stigmatisierung durch die Gesellschaft die Wahrscheinlichkeit weiterer psychischer Erkrankungen.

Ein anderes Problem in der Behandlung einer Abhängigkeitserkrankung bezieht sich auf die Kostenübernahme der therapeutischen Behandlungen. Viele private Krankenkassen verweigern noch immer die Erstattung von Behandlungskosten, die im Zusammenhang mit einer Suchterkrankung standen. Das ganze wird als „Suchtklausel“ bezeichnet und besagt, dass Entziehungsmaßnahmen und Entziehungskuren von der Erstattung der privaten Krankenversicherung ausgeschlossen sind (Neurobiologie der Abhängigkeit 2012). Hierunter fallen also alle stationären oder ambulanten Behandlungen, die Betroffene dabei unterstützen könnten ein abstinentes Leben zu leben. Übernommen werden ausschließlich lebensrettende Maßnahmen. Auch das zeigt die stereotypischen Überzeugungen in Bezug auf Sucht. Es wird nicht als Krankheit anerkannt, sondern sogar bei den privaten Krankenkassen zum Teil als persönliche Schwäche gesehen.

Außerdem problematisch an der Stigmatisierung ist die Kriminalisierung der Sucht in unserer Gesellschaft. Die Kriminalisierung der Krankheit führt zu verheerenden Abwärtsspiralen, wenn für den Besitz von nicht-geringen Mengen (in einigen Bundesländern ab 6gr!) Haftstrafen verhängt werden und es einen Eintrag ins Führungszeugnis gibt. Die Kriminalisierung führt somit zu einem gesellschaftlichen Ausschluss, da es nach dem Kontakt mit der Justiz mitunter sehr schwierig werden kann eine Arbeitsstelle zu finden.

Wir haben uns dem Thema jetzt auf sehr theoretischer Ebene angenähert. Um noch einmal konkret zu zeigen, welche Auswirkungen die Stigmatisierung haben kann, möchte ich euch nun einmal meine Geschichte erzählen. Ich bin süchtig nach Cannabis. Und das seit mittlerweile ungefähr 3 Jahren. Und obwohl ich damit sehr offen umgehe, mit meiner Familie, mit Freund:innen und mit meinen Arbeitskolleg:innen darüber spreche, veröffentliche ich diesen Text hier anonym. Nicht aus Scham, sondern aus Angst davor später als Psychotherapeutin keine Anstellung oder Kassenzulassung zu bekommen, wenn ich öffentlich zu meiner Suchterkrankung stehe. Aufgrund meiner eigenen Stereotype fiel es mir lange sehr schwer mir einzugestehen, dass ich abhängig bin. Denn suchtkrank, das sind doch die Obdachlosen, die sich um 11 Uhr morgens eine Flasche Wodka in den Kopf hauen oder Menschen, die ihr letztes Geld für Drogen ausgeben und wenn sie keins mehr haben, ihre Familienmitglieder beklauen, um neue beschaffen zu können. Ich arbeite, ich ernähre mich (größtenteils) gesund, ich meditiere, praktiziere täglich Yoga, habe guten Noten in der Uni, einen großen Freundeskreis und ein gutes Verhältnis zu meiner Familie. Zwischen meinem Selbstbild und dem Bild, was ich von einer Suchterkrankung hatte lag eine solche Diskrepanz, dass ich lange dachte „süchtig? Ich doch nicht! “. Und es stimmt, ich habe viele Ressourcen und kriege (trotz Suchterkrankung) noch viel hin in meinem Leben. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich an Weihnachten letztes Jahr jeden Abend, nachts, bei Minusgraden im Regen spazieren gegangen bin, um noch einen Joint zu rauchen. Oder ich richtig gestresst werde, wenn ich sehe das mein Gras-Vorrat sich dem Ende zu neigt (und mein Hauptfokus dann auch darauf liegt neues Gras zu besorgen). Ich kann Familienurlaube (oder Urlaube im ganz Allgemeinen) nicht richtig genießen kann und fühle mich scheiße, weil ich unfreiwillig entziehe. Und mehr als einmal, war ich die einzige highe Person im Raum, weil die Freunde, mit denen ich abgehangen hab, nicht kiffen – mit dem Resultat, dass ich mich schäme, weil ich dem Gespräch nicht vernünftig folgen kann und nur dummer Mist aus meinem Mund kommt. Ich könnte weiter machen, aber ich glaube es reicht, damit ihr den Punkt versteht: Es gibt genug Nachteile für mich vom Kiffen und trotzdem brennt jeden Abend der Joint. Es ist egal, wie oft ich mir am letzten Abend high geschworen habe ab morgen mal eine Pause einzulegen. Das ist die Definition einer Abhängigkeit. Nach über einem Jahr gescheiterter Versuche selbstständig abstinent zu werden, habe ich mich nun dafür entschieden in eine Klinik zu gehen, zu entgiften und danach an einer ambulanten Rehabilitation teilzunehmen. Und auch das war ein langer Weg (wovon mein Drogensuchtberater ein Liedchen singen könnte), da ich für mich auf Grund der Angst vor Diskriminierung den Weg in die Klinik vollkommen ausgeschlossen hatte. Jetzt bin ich jedoch an einem Punkt für mich, an dem ich sage: Wenn ein Arbeitgeber mich nicht einstellen möchte, weil ich meine Erkrankung aktiv angegangen bin, ist dies nicht der Arbeitgeber, für den ich arbeiten möchte.

Und damit sind wir am Ende dieses Artikels angekommen. Das wir uns Stereotypen bedienen, werden wir nicht ändern können. Stereotype haben objektiv betrachtet auch einige Vorteile für den Menschen: Sie geben Sicherheit bei Entscheidungsfindungen (leichtere, schnellere Entscheidungen), sorgen für eine Komplexitätsreduktion, eine Aufwertung des Selbstwertgefühls und für ein Zugehörigkeitsgefühl. Was wir jedoch unbedingt bekämpfen müssen, das sind Vorurteile und Stigmatisierung in unserer Gesellschaft. Nicht nur bezogen auf die Suchtthematik, sondern ganz allgemein. Denn Stigmatisierung sorgt für die Entstehung von Problemen, für den Ausschluss von Menschen aus der Gesellschaft und in ganz vielen Fällen dafür, dass Hilfe und Unterstützung nicht geleistet werden können. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber von einer solchen Gesellschaft möchte ich nicht gern ein Teil sein. Also, was können wir tun? Wir können uns unserer eigenen Stereotype immer wieder bewusstwerden und darüber reflektieren, damit keine Vorurteile entstehen. Wir können aktiv eigene Vorurteile abbauen, indem wir uns bilden oder bewusst den Kontakt suchen zu Gruppen, die sonst nicht Teil unseres Alltags sind. Edukation und Kontakt sind die Interventionsmaßnahmen, die sich in der Psychologie bisher als am wirksamsten herausgestellt haben. Konkret könnte das so aussehen, dass man zum Beispiel Bücher liest, die von suchtkranken Personen geschrieben wurden oder sich Ted-Talks auf YouTube anschaut (hier eine große Empfehlung für den Ted Talk von Dr. Judith Grisel)

Ich würde mir wünschen, dass eine Suchterkrankung von allen Menschen auch als Erkrankung anerkannt wird und den Betroffenen mit der gleichen Empathie, Offenheit und Unterstützung begegnet wird, wie bei Bekanntwerden von anderen Erkrankungen auch. Ich persönlich bin sehr privilegiert hier in meiner kleinen Witten-Bubble, ich werde ernst genommen, werde nicht allein gelassen und in meinem Heilungsprozess von meinen Freunden, meiner Familie, meiner WG und meiner Arbeitsstelle unterstützt – das Gleiche wünsche ich mir für alle anderen Betroffenen auch.

PS: falls ihr euch jetzt in einigen Punkten der Abhängigkeit wiedererkannt habt und euren Konsum grade hinterfragt, kann ich euch die Drogensuchtberatung der Diakonie in Witten nur ans Herz legen. Ihr müsst für ein Gespräch nicht abstinent sein, die Diakonie unterliegt der Schweigepflicht und die Angebote sind kostenlos. Die Mitarbeitenden dort sind nicht wertend, unterstützen Betroffene auf ihrem Weg und leisten einfach richtig wertvolle Arbeit!







Literaturverzeichnis

Aydin, Nilüfer; Fritsch, Katrin (2015): Stigma und Stigmatisierung von psychischen Krankheiten. In: Psychotherapeut 60 (3), S. 245–257. DOI: 10.1007/s00278-015-0024-9.

Dauber, Hanna; Braun, Barbara; Pfeiffer-Gerschel, Tim; Kraus, Ludwig; Pogarell, Oliver (2018): Co-occurring Mental Disorders in Substance Abuse Treatment: the Current Health Care Situation in Germany. In: International journal of mental health and addiction 16 (1), S. 66–80. DOI: 10.1007/s11469-017-9784-5.

Dilling, Horst; Mombour, Werner; Schmidt, Martin H. (Hg.) (2015): Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F) klinisch-diagnostische Leitlinien. Weltgesundheitsorganisation. 10. Auflage, unter Berücksichtigung der Änderungen entsprechend ICD-10-GM 2015. Bern: Hogrefe Verlag.

Falkai, Peter (Hg.) (2015): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5®. American Psychiatric Association. Göttingen, Bern, Wien: Hogrefe.

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Neurobiologie der Abhängigkeit. Grundlagen und Konsequenzen für Diagnose und Therapie von Suchterkrankungen (2012). 1. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.

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Sahakian, B. J. (2013): Bad moves. How decision making goes wrong, and the ethics of smart drugs. 1st ed. Oxford: Oxford University Press. Online verfügbar unter http://site.ebrary.com/lib/alltitles/docDetail.action?docID=10665696.

Schomerus, Georg (2011): Warum werden Menschen mit Alkoholabhängigkeit in besonderer Weise stigmatisiert, und was kann man dagegen tun? In: Psychiatrische Praxis 38 (3), S. 109–110. DOI: 10.1055/s-0030-1266094.

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