Ich finde es toll, dass sich die SPD mittlerweile sogar einen Laden in der Innenstadt leistet. Das würde ich mir für jede Partei wünschen. Zu diesen Vorstoß kann man ihr nur gratulieren. Gleichwohl muss ich leider anmerken, dass es nicht ausreicht darauf zu warten, bis die Wittener Bürger [TP1] in diesen wenig einladenden Parteisalon spazieren. Die Schaufenster sind schön geschmückt und eindrücklich gestaltet. Bisher habe ich im Vorbeigehen aber lediglich zwei ältere Damen entdeckt, die sich im Eingangsbereich vor dem Regen schützen und einen kurzen Plausch über ihre Freizeitaktivitäten halten. Dazu ein paar junge Menschen, die sich hinter ihren Laptops versteckten.

Dankbarerweise habe ich in meiner Zeit in Witten noch linke Studierende kennengelernt, die es sich zugetraut haben, in der Marktschenke ein Bierchen mit den eingesessenen Wittenern [TP2] zu trinken. Auch wegen Corona sind diese Zeiten leider Geschichte. Trotz der Pandemie reicht es aber einfach nicht aus, sich in das Wiesenviertel zurückzuziehen und sich lediglich mit seinen Kommilitonen [TP3] in der Lieblingskneipe zu treffen, wenn man sozialdemokratisch aktiv sein will. Es reicht auch nicht aus, gegen Rechts zu sein. Es gibt in Witten viele Parteien, die aus gutem Grund gegen Rechts sind und das halte ich auch für ehrenwert. Aber wie will man auf glaubwürdige Weise Farbe bekennen, wenn man die gleichen Slogans wie die MLPD auf seine Plakate druckt?

Sozialdemokratie bedeutet für mich, nicht in erster Linie Antifaschismus, Sozialismus und diese abstrakte Leerformel „Internationalismus“. Auch den Feminismus würde ich nicht an erster Stelle sehen, auch wenn er seine Berechtigung hat. Ohne großen Hokuspokus könnte man Sozialdemokratie einfach als sozial und demokratisch fassen. Sicherlich kommt es dann darauf an, diese beiden Begriffe mit Leben zu füllen, aber mir scheint diese Möglichkeit nicht ganz aussichtslos.

In meinen 5 Jahren als Jugendleiter und Trainer beim FSV Witten habe ich Iraker, Albaner, Türken, Syrer, Vietnamesen, Polen, Rumänen, Libanesen, Deutsche und viele andere kennen- und schätzen lernen dürfen. Ich bin sehr dankbar für diese Begegnungen. Seltsamerweise hat es keinen dieser Menschen interessiert, ob ich hinter jeder Nationalität noch ein gendergerechtes Stotter_innen angefügt habe. Niemand hat sich für die antifaschistische Bewegung der SPD interessiert und kein Einziger konnte etwas mit dem Begriff  „Internationalismus“ anfangen. Auch dass ich eine doppelte Staatsbürgerschaft habe, musste ich nicht erwähnen. Vielmehr wurde ich herzlich in die Türkei eingeladen und habe dort erlebt, wie naturverbunden Menschen leben können, ohne sich jemals vorgestellt zu haben, die Grünen zu wählen. Es reicht nicht aus, sich ein paar Hochbeete ins Wiesenviertel zu stellen und dann zu glauben, damit würde man das Klima retten. Sicherlich sind das schöne Randerscheinungen, die das Stadtleben bunter und grüner machen, aber die fundamentalen Fragen werden dabei nicht berührt.

Aber es geht ja schließlich um Sozialdemokratie und nicht um die Grünen. Sozial heißt, sich für Menschen zu interessieren und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, um ihre Lebenswirklichkeit kennen- und verstehen zu lernen. Die naheliegendste Möglichkeit ist, einen Laden in der Fußgängerzone zu mieten und darauf zu hoffen, dass Menschen sich für die SPD interessieren und ohne große Vertrauensbildung aus ihrem Leben erzählen. Eine andere Möglichkeit ist, sich mal ein Jugendfußballspiel beim FSV Witten anzuschauen. Da trifft man viele unterschiedliche Menschen, aus allen möglichen Milieus. Auch wenn man bisher in Bommern sozialisiert wurde und keine große Lust auf die Diversität in Witten-Annen hat, kann man trotzdem sozial und demokratisch unterwegs sein.

Der Abgeordnete Ralf Kapschack, den ich sehr schätze, hat es gewagt und ist mit vielen unterschiedlichen Vereinen in Witten und Umgebung ins Gespräch gekommen. Aber was ist mit den jungen Politiker*innen[TP4] ? Können sie sich vorstellen, abseits von Gegendemonstrationen und Laptoparbeit, auch mit der Wittener Bevölkerung zu reden, und vielleicht auf eine Art und Weise, die nicht so  befremdlich wirkt? Ich kann verstehen, dass die politische Arbeit schon anspruchsvoll und aufreibend genug ist. Ich kann auch verstehen, dass ältere Mitglieder in der SPD nerven können, mit ihren nostalgischen Ansichten. Ich kann zwar keine Impfempfehlung aussprechen, aber den guten Rat, sich auf Menschen aus anderen Milieus einzulassen, auch wenn es schwerfällt. Wie wäre es zum Beispiel mal mit den „problematischen Rathauskindern“? Es wäre zu schade, wenn man nun die ganze Arbeit der angehenden Streetworker*in [TP5] überlässt. Haltet euch an Joseph Beuys und zeigt eure Wunde. Dann kann euch nichts passieren. Authentizität muss nicht Rechts sein.