Kritische Männlichkeit

Warum sich die differenzierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht lohnt.

 

VON JULIAN KRAMP


 

Wenn ich im Dunkeln alleine unterwegs bin, muss ich keine Angst haben. Wenn ich mit vielen verschiedenen Menschen Sex habe, werde ich nicht dafür verpönt oder gar beleidigt. Ich kann mir sicher sein, dass in alltäglicher Sprache mein Geschlecht gemeint ist. Für mich ist es viel weniger wahrscheinlich, dass ich sexuelle Belästigung erfahren muss, um an dieser Stelle nur einige meiner Privilegien gegenüber Frauen zu nennen. Es brauchte eine Weile, das Bewusstsein für diese Privilegien in mir zu wecken. Als weißer, heterosexueller Cis-Mann ohne Behinderungen, der noch dazu zufällig innerhalb der deutschen Staatsgrenzen geboren und in einem Haushalt des Bildungsbürgertums aufgewachsen ist, habe ich es, ohne etwas dafür getan zu haben, leichter im Leben als andere Menschen.

 

In unserer Gesellschaft wird zwischen zwei relativ starren Geschlechterrollen unterschieden. Mann oder Frau, blau oder rosa, Hose oder Rock, Konkurrenz oder Fürsorge. Diese Dichotomie ist aus meiner Sicht ein Konstrukt, das vielen Menschen die Möglichkeit verwehrt, sich innerhalb eines Spektrums zu positionieren. Ich möchte hier einen kritischen Blick auf die männlichen Vorbilder aus unserem Umfeld und den Medien werfen, denen sowohl bewusst als auch unbewusst versucht wird zu entsprechen. Denn die präsentierten Rollenbilder führen immer wieder zu schädlichen Verhaltensweisen, die sich gegen sich selbst und auch gegen andere richten. Diese werden unter dem Konzept „toxische Männlichkeit“ zusammengefasst und sollen im Folgenden etwas näher beleuchtet werden.

 

Es gibt eine lange Liste von stereotypen Vorstellungen von Männlichkeiten, daher seien hier nur ein paar genannt, die mir in meinem Leben auf die eine oder andere Weise begegnet sind. Wie wahrscheinlich viele andere männlich gelesene Personen, habe auch ich häufig mit gewaltbezogenen Spielsachen, wie beispielsweise einem Holzschwert oder einer Pistole mit Platzpatronen hantiert. Dabei wurde gesellschaftliches Fehlverhalten wie Übergriffigkeit oder Anwendung von Gewalt durchaus toleriert und teilweise sogar mit Aussagen wie „Jungs sind halt so“ nur aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit entschuldigt und somit bereits in der Erziehung normalisiert. Wurde man hingegen Opfer solcher Verhaltensweisen, hieß es wiederum „Echte Männer weinen nicht“, eine Aussage, die zum einen impliziert, es gäbe eine Form des „richtigen/echten“ Mannes und die damit Männlichkeit die Diversität abspricht. Zum anderen fordert sie die Unterdrückung von Gefühlen wie Angst, Überforderung und Hilflosigkeit. Emotionen sollen eher runtergeschluckt werden, anstatt ihnen zu begegnen. Diese anhaltende Verdrängung kann wiederum zu internalisierter Wut, Aggressivität gegen sich selbst und anderen, bis hin zu schweren psychischen Problemen führen. Laut Statistischem Bundesamt sind Männer dreimal anfälliger für Suchtkrankheiten und begehen 76% der Suizide. Grund hierfür ist auch, dass sich weniger häufig Hilfe gesucht wird und es als „unmännlich“ gilt, Schwäche zu zeigen, wie unter anderem eine Studie der LMU aus dem Jahr 2008 herausfand. Damit möchte ich Männer auf keinen Fall vorwiegend als Opfer darstellen, sondern darauf aufmerksam machen, dass auch sie unter bestimmten, erlernten Verhaltensmustern leiden können. Ich kann gar nicht genau sagen, wann ich mich das letzte Mal so richtig ausgeheult habe und es zulassen konnte, mich der Welt gegenüber verletzlich zu zeigen. Obwohl ich mich ziemlich genau an Momente erinnern kann, in denen mir danach gewesen wäre.

 

In Computerspielen und Filmen, die immer noch überwiegend von Männern geschrieben, produziert und dargestellt werden, wird als Weg zur Konfliktlösung meist Gewalt aufgezeigt, anstatt auf Kommunikation und Kooperation zu setzen. Gebetsmühlenartig wird ein Selbstbild der Härte reproduziert und Anwendung von Gewalt für die angeblich „gute Sache“ legitimiert. In diesem Kontext bekomme ich andauernd Männer gezeigt, die in ihren Körperpanzer steigen, zur Waffe greifen und es selten bis nie schaffen, emotional zu kommunizieren. In der Serie „Westworld“ aus dem Jahr 2016 wird gezeigt, wie die von einem alten weißen Mann erschaffene, androide Protagonistin in einem „Wild-West Freizeitpark“ unendliche Male vergewaltigt und getötet wird. Sein Ziel ist es, dass sie durch dieses Leiden ein menschliches Bewusstsein erlangt. Eine absolut krankhafte Männerphantasie. Frauenkörper dienen nicht selten nur als Unterhaltung und werden ständig sexualisiert und objektiviert dargestellt. Für einige erwächst daraus der Glaube, dass ein vermeintlicher Anspruch auf den weiblichen Körper verbunden mit ständiger Verfügbarkeit besteht. Wir erleben um uns herum eine sogenannte Vergewaltigungskultur, auch Rape Culture, in der die eigentlich geltende Idee von Einvernehmlichkeit, als Voraussetzung für intimen Kontakt, täglich torpediert wird. Dazu gehören unwidersprochene sexistische Kommentare in Seminaren, verbale sexuelle Belästigung und übergriffige Berührungen auf WG-Partys, bis hin zum Nicht-Akzeptieren eines Neins in einer vielleicht vorher noch einvernehmlichen Situation. Im schlimmsten Fall werden solche Erfahrungen im Nachhinein durch Victim Blaming, also der Umkehr der Täter-Opfer-Logik, diskreditiert. Frauen müssen dabei Fragen wie „Was hattest du denn an?“, „Hast du ihm Hoffnungen gemacht?“ oder „Hattest du etwas getrunken“ aushalten. Der Grund für das Erlebte wird in ihrem Verhalten des Opfers gesucht, anstatt den Akt des Übergriffes zu verurteilen.

 

Das auf Stärke, Härte und Aggressivität basierende, stetig reproduzierte Rollenbild findet sich auch in den Beziehungen von Männern untereinander wieder. In Männerfreundschaften erlebe ich oft einen überpräsenten Wettbewerbsgedanken. In diesem werden Besitz, die eigenen Taten sowie Errungenschaften in einem stetigen Ränkespiel verglichen, während körperliche Nähe und emotionale Kommunikation kaum zugelassen werden. Kommt es doch einmal zu einer Zuneigungsbekundung zwischen Männern, wird sich durch eine homophobe Äußerung wie „no homo“ direkt am Ende des Satzes versucht, wieder davon zu distanzieren. Männer, die etwa durch femininen Gestus oder durch als weiblich geltenden Hobbys, wie beispielsweise Ballett, auffallen, also nicht dem Stereotyp entsprechen, werden eher durch Mobbing ausgegrenzt und attackiert. Hierarchisch geprägte Rituale und Mutproben verfestigen diese Konzepte.

 

Damit soll nicht ausgedrückt werden, dass Männlichkeit an sich zerstörerisch ist. Die Gefahr liegt in der erlernten, toxischen Männlichkeit, sprich dem Fall, dass die maskuline Performance von Cis-, aber auch Trans:männern zum Erhalt von Machtpositionen verwendet wird. Dabei muss nicht zwingend eine bösartige Absicht vorliegen, es handelt sich um gesellschaftliche Machtstrukturen, die systematische, sexistische Diskriminierung zur Folge haben. Auch ist zu bedenken, dass Rollenbilder sich von Gesellschaft zu Gesellschaft dieser Erde unterscheiden. Dies spricht für mich eindeutig dafür, dass Männlichkeiten eben nichts Statisches sind. Wenn wir uns selbst und anderen Menschen feste Vorstellungen aufzwingen, begrenzen wir das Potenzial unserer Entwicklung. Gerade in vorwiegend männlich geprägten Gruppen sollten wir aufeinander achten und uns trauen, Muster zu hinterfragen. 

 

Ich möchte an dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle Kämpfer:innen des Feminismus, für die unermüdliche Kritik an unseren vorherrschenden Rollenbildern und der Arbeit für eine gerechtere Welt aussprechen. Ich habe ganze 25 Jahre gebraucht, um zu realisieren, dass es nicht ausreicht, sich von Sexismus zu distanzieren oder Gleichberechtigung gutzuheißen. Um die patriarchalischen Strukturen unserer Gesellschaft aufzulösen, braucht es eine aktive pro-feministische Arbeit, in der ich mich als Mann aktiv daran beteilige, meine toxischen Verhaltensweisen und die meines Umfeldes zu dekonstruieren. Schweigen trägt zur Aufrechterhaltung der täglichen systematischen Diskriminierung bei.

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