Jetzt bloß nicht hinschmeißen!

Studieren in Pandemiezeiten fordert die Universitäten heraus. Aber vor allem uns Studierende. Es macht traurig und einsam. „Noch ein Zoom-Semester und ich bin raus“, sagt meine Freundin Lena.

VON PAULINA UNFRIED

Gerade stellt sich die Frage: Weiterstudieren oder hinschmeißen?

„Wenn noch ein Zoom-Semester kommt, bin ich raus,“ sagt meine Freundin Lena. Sie ist nicht die Einzige. Studierende in ganz Deutschland zweifeln. Manche wollen gehen, andere machen kaum noch etwas oder gar nichts mehr. Große Universitäten bestätigen höhere Abbruchszahlen als im Vorjahr. Viele Dozierende strengen sich an, sie versuchen es, das schon. Aber der Computerbildschirm steht oft zwischen Lehrperson und lernender Person als Resonanzblocker, der kaum etwas außer Langeweile und übertriebene Handynutzung hervorbringt. Studieren basiert mehr auf Eigeninitiative denn je.

Ich lerne, dass die rationale Ignoranz das Verhalten von Wähler*innen ökonomisch erklärt und wie ich das Corona-Hilfspaket im ISLM-Modell bewerten und zerlegen kann. Ich lerne, dass es im Feminismus nach Judith Butler nicht nur um die Gleichberechtigung von Frauen geht, sondern vielmehr darum, das soziale Geschlecht zu dekonstruieren und somit außerhalb von festgefahrenen Normen eine Freiheit für alle Geschlechter zu schaffen. Ich merke vor allem, wie wenig ich weiß. Ich bin traurig, weil ich noch viel mehr hätte lernen können. Und ich denke oft: Mein Studium enthält echt viel, was alle wissen sollten.

In den Seminaren bin ich jetzt ein Viereck auf dem Computerbildschirm. Dafür lerne ich endlich ein paar Namen. Zoom sei Dank. Einige haben offensichtlich Konzentrationsprobleme, weil sie so beschäftigt damit sind, sich ständig selber anzuschauen. Ist auch schwer. Das neue Statussymbol ist nicht mehr der „Tesla-Flex“ auf dem Parkplatz, sondern eine gute Kamera sowie ein geschmackvoller Hintergrund.

Niemand weiß, ob die Nachricht im Chat „Entschuldigung, meine Kamera geht heute leider nicht,“ in Wahrheit bedeutet: „Es ist Zeit für meinen Mittagschlaf“. Aber was ist mit denen, die wirklich kein Geld für eine gute digitale Ausstattung haben? Leistungsstark zu sein, hängt mal wieder vom Geld ab. Jede*r zweite hat außerdem kein gutes Internet, auch die Professor*innen sind überproportional betroffen. Das Highlight des Tages ist jetzt, wenn jemand versehentlich die Audiofunktion anlässt. Da ist teilweise richtig was geboten, die Professor*innen sind peinlich berührt, nicht alle wissen, wie man die Mikros von Teilnehmer*innen ausschaltet.

 

Meine Professoren (nicht gegendert, weil nur Männer) bewerten live die Corona-Krise. Ich fühle mich am Puls des Geschehens. Professor Schmidt prophezeit: „Meine Damen und Herren, die Hilfspakete zahlen Sie ab.“ Erst Wochen später kommt die Debatte in der Öffentlichkeit an. Ja, die Rettungspakete kommen nicht aus dem Nichts. Das checke ich spätestens, seit ich Makroökonomie belegt habe. Die Pro-Kopf-Verschuldung wird in einer alternden Gesellschaft gerade nochmal drastisch erhöht. Menschen in meinem Alter werden es schwer haben, Vermögen anzusparen, in Zeiten, in denen sie es müssten, weil auch die Rente nicht mehr gewährleistet ist.

 

Die Pandemie fordert das universelle Geschäftsmodell „Universität“ heraus. Vieles klappt nur notdürftig. Die Lehre einfach ins Digitale zu übersetzen, tut weh. Wenn man das aber nicht tut, sondern weiterdenkt, ist es eine riesige Chance, ein neues Modell des Lernens zu entwickeln. Universitäten wie die „Minerva“ machen schon länger vor, wie Studieren im 21. Jahrhundert auch aussehen kann: Die Studierenden leben überall auf der Welt, ihre Lehre beruht ausschließlich auf digitalen Formaten. Hier werden alle durch Interaktivität beteiligt, das Handy wird durch ständige Aufmerksamkeitskontrollen und Beteiligungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Klar ist, dass der Moment für Umbruch gekommen ist. Das ist eine der Sachen, die die Pandemie sichtbar gemacht hat: Ob regelmäßige Lerngruppe, gemeinsame Zoom-Gruppe, das Mieten eines Hauses mit Mitstudierenden oder doch ein Aufenthalt in einem anderen Land – es wird Zeit, die Vorteile der digitalen Lehre zu nutzen, statt die vielen Nachteile zu beklagen.

 

Außerhalb der Lehre muss das Leben auch weitergehen: Mittwochs treffen wir uns wieder zum gemeinsamen Bierabend, natürlich via Zoom, prost allerseits. Über dreißig Menschen befinden sich in einem „Raum“, Infizierung ausgeschlossen, genauso wie ein spontanes Techtelmechtel. Ist das die Zukunft oder der Albtraum? Ungewiss, wie so vieles. Klar ist, es sind schlechte Zeiten für Singles. Manchmal sogar einsame Zeiten für alle. Ich denke oft an freundschaftliche Umarmungen und daran, dass es ein Privileg ist, über „große Dinge“ nachzudenken, weil man das nicht kann, wenn man andere Sorgen hat. Mein Leben fühlt sich an wie auf „Pause“, aber die Krisen der Zukunft kommen in jedem Moment näher. „Das große Ganze verschwindet in den Einzelängsten um die Existenz. Das ist legitim und gleichzeitig ist es das Aus für unsere Zukunft,“ sagt Alex, der sich für die Bekämpfung der Klimakrise einsetzt. Seine Eltern sind beide in Kurzarbeit. Mit Schrecken verfolgt er, wie das Momentum von Fridays For Future immer stärker bedroht ist. Wenigstens ist bewiesen: Die Regierung ist in einer Krise handlungsfähig, (wenn sie will.)

 

In Hoch-Zeiten dieser Krise geht jeder und jede anders mit der Situation um. Die anderen sind potenziell tödlich. Alle kennen sich aus, aber niemand weiß wirklich Bescheid. Junge Menschen werden besonders verurteilt, wenn sie draußen unterwegs sind. Dabei haben sie gerade den Großteil dessen, was Spaß macht, für die Gemeinschaft aufgegeben. Ich gehe nicht mehr in die Universität, wo ich eigentlich gerade mit anderen Menschen in meinem Alter sein sollte. Wo wir träumen sollten, jung sein sollten, ein Gefühl für uns und die Welt spüren. Stattdessen sitzen wir zu Hause, nehmen immer mehr Abstand zu einer Welt, die wir gerade jetzt mit allen Sinnen erleben sollten. Angesichts einer Gesellschaft der Singularitäten, wie sie der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt, ist es erstaunlich, wie wenig Individuelles in Corona-Zeiten gestattet wird. Eine Gesellschaft muss es aushalten, verschiedene Maßstäbe für individuelle Menschen anzuwenden. Aber keiner hört richtig zu, alle sind beschäftigt mit dem, was sie eh schon tun. Wenn das Hamsterrad steht, stellt sich die Frage, ob man drinbleibt und wartet, oder rauskommt und es von außen betrachtet und vor allem, ob man danach ins Innere zurückkehrt.

 

Nach der anfänglichen Schnappatmung gefolgt von schmerzhaften Verlust-Realisierungen, ist irgendwann draußen plötzlich wieder Grillparty-Stimmung und dass die Fusion nicht stattfindet, ist verschmerzt. Fast. Die Durchsagen zur Maskenpflicht werden von vielen Menschen ruhigsten Gewissens ignoriert. Oder sie lassen die Nase heraushängen. Abgesehen davon, dass das optisch unvorteilhaft ist, fehlt die Rücksicht untereinander. Ich treffe meine Freund*innen ohne Maske, weil wir in gemeinsamem Einvernehmen dieses Risiko eingehen, weil es mein Leben ausmacht, diese Menschen zu sehen. Fremde würde ich diesem Risiko nicht aussetzen. Die Corona-Pandemie wird zum Alltag, das heißt aber nicht nachlassen, sondern sich an neue Gegebenheiten gewöhnen und sie bestmöglich integrieren.

„Zukunft gibt‘s in Deutschland nicht.“

 

Das ist unsere neue Gegenwart. Die alte Gegenwart ist Vergangenheit. Zukunft gibt’s in Deutschland nicht, weil wir, für die die Zukunft Gegenwart sein wird, in Deutschland in der Unterzahl sind. Medianwähler*innen sind in Deutschland über 50 Jahre alt. Es gibt keine Mehrheiten für eine ernsthafte Klimapolitik, weil die Klimakrise im Gegensatz zur Corona-Krise die meisten jetzt lebenden Menschen in Deutschland nicht existenziell betreffen wird.

Außer der omnipräsenten Klimapolitikaktivistin Luisa Neubauer ist im öffentlichen Diskurs nichts annähernd Junges in Sicht. Erst sehr spät in der Krise erlangen junge Menschen an den Rändern des sozial gesellschaftlichen Themenspektrums Aufmerksamkeiten. Dabei gibt es doch ein starkes Narrativ: Junge Menschen bitten eine ältere Generation darum, die für ihre Zukunft zwingend notwenige Bekämpfung der Klimakrise einzuleiten und mitzutragen – im Gegenzug für die im permissiven Konsens übernommene Verantwortung für die Hilfsgelder, damit wir gemeinsam jetzt eine Krise bewältigt bekommen.

Weil wir jungen Menschen die Mehrheiten nicht haben, um unsere Positionen durchsetzen zu können, brauchen wir Verbündete. Wir brauchen Euch Ältere. Wir brauchen einen historischen Kompromiss. Das ist das eine. Das andere ist: Ohne uns haben wir gar keine Chance. Jetzt bloß nicht hinschmeißen, Leute.

  • Facebook Social Icon
  • Instagram

©2020 Pottpost.