Die Beauftragte für Gleichstellung und Vielfalt auf der „grünen Wiese“

Während es an staatlichen Universitäten seit Jahren Gleichstellungsbeauftragte gibt, ist das Wahlamt an der UW/H neu. Dr. Sigrun Caspary stellt sich der Aufgabe und den Herausforderungen der Universität.

Wieso gibt es erst jetzt eine Gleichstellungsbeauftragte an der Universität?

Den Steuerungskreis und die Arbeitsgruppe „Diversity“ gibt es schon lange. Vom Wissenschaftsrat gab es jetzt aber eine neue und deutliche Auflage: Das muss ausgebaut werden. Eine Senatskommission hat daraufhin die neue Stelle konzipiert, und der Senat hat diese Position der Beauftragen für Gleichstellung und Vielfalt in die Grundordnung der Universität aufgenommen . Ich habe mich beworben und wurde im April 2020 gewählt.

 

Denken Sie, Ihre Position kommt zu spät?

Nein! Sie kommt nicht zu spät, denn zu spät wäre es nur, wenn sie nicht da wäre. Die Thematik ist im Präsidium durchaus bekannt. Wir haben statt dieser Position den Steuerungskreis Diversity, dessen Arbeit ähnlich gelagert ist, aber anders verankert. Wir sind aber eben keine staatliche Hochschule und haben dadurch die Freiheit, etwas anders vorzugehen. Wir haben auch jetzt die Möglichkeit, diese Position auszuformen wie wir wollen. Gewisse Strukturen zu schaffen ist eine Sache, sie dann aber auch entsprechend zu modifizieren, wo es nötig ist, eine andere. Und da sehe ich uns gar nicht so weit hinten dran, sondern durchaus auf einem guten Wege.

 

Erzählen Sie uns etwas über sich.

In meiner Kindheit habe ich vier Jahre in Italien gewohnt und dann während des Studiums fünf Jahre in Tokyo. An der Universität Bonn habe ich Japanologie, Politikwissenschaft und VWL, also sozusagen PPÖ studiert, bevor es das überhaupt gab. An die UW/H bin ich 1997 gekommen. Damals war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin und wollte habilitieren. Das musste ich zurückstellen, es kamen die Heirat und Kinder dazwischen. Das passiert vielen Frauen in der Wissenschaft. Diesen Faden habe ich nun am WIFU wiederaufnehmen können.

 

Und was haben Sie stattdessen gemacht?

Ich bin die letzten Jahre im International Office gewesen. Jetzt bin ich auf einer halben Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) tätig und auf der anderen halben Stelle als Beauftragte für Gleichstellung und Vielfalt.

 

Haben Sie aufgrund Ihres Geschlechts schon mal Diskriminierungserfahrungen gemacht? Vielleicht sogar an der UW/H?

Ja, an einer anderen Hochschule ist mir das schon passiert. An der UW/H möchte ich mich dazu nicht äußern. Wer lange genug irgendwo ist, hat seine Geschichte. Ich bin hier durchaus sensibilisiert.

 

Welche Probleme sehen Sie noch?

Fast überall gibt es Formen sexueller Übergriffe. Ich weiß, dass dieses Problem auch an der UW/H existiert. Betroffene wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen, wer zuhört und zuständig ist. Hier möchte ich unter anderem ansetzen. Mein Aufgabenbereich ist gerade noch nicht klar eingegrenzt: Ich stehe sozusagen auf einer „grünen Wiese“. Das Thema Gleichstellung und Vielfalt ist riesengroß. Wir sind in einem Prozess, hier unsere Schwerpunkte zu setzen. Also nur zu, melden Sie sich mit ihren Wünschen, solange die Wiese noch grün ist.

 

Wie kann man sich an Sie wenden?

Schreiben Sie mir (gleichstellungsbeauftragte @uni-wh.de) Ihre Anliegen. Mit der Studierendenvertretung werde ich mich auch noch zusammensetzen, um mehr über die Wünsche der Studierenden zu erfahren. Es wird sich noch herausstellen, ob die Bearbeitung der Problemfelder mit einer halben Stelle überhaupt zu bewerkstelligen ist. Ich bin bereit mehr Ressourcen zu beantragen. Es wird vier Vertretungen aus allen Statusgruppen geben.

 

Auf der Website steht „Vielfalt gehört zu den wichtigsten Merkmalen dieser Universität“. Ist Vielfalt wirklich schon ein Merkmal der UW/H?

Wir haben durchaus kulturelle Vielfalt durch internationale Austauschstudierende gegeben. Im Laufe der Auseinandersetzung mit diesem Thema ist nun die neue Stelle einer Gleichstellungs- und Vielfaltsbeauftragten gekommen, das zeigt, dass wir da in der Breite noch Nachholbedarf haben. Und ja, vielleicht waren wir schon mal weiter. Vielfalt ist keine Einbahnstraße, das ist ein Prozess. Wir arbeiten daran.

 

Sie sind schon lange an der Universität. Wie hat sich das Thema Gleichstellung verändert?

Das Thema hat sich verändert, wie sich auch vieles über die Zeit verändert hat. Die Feministinnen-Bewegung der 1970er und 80er Jahre hat viel bewegt, weil durch sie das Thema platziert wurde. Die Frage der Quoten ist seitdem lange diskutiert worden. Der Diskurs hat sich davon jetzt wieder wegbewegt, es heißt, einfach nur eine Quote zu erfüllen, reicht eben nicht. Die Themen haben sich über die Jahre geändert, sie sind vielfältiger geworden: LGBTQIA+, das ganze Spektrum neuer Begriffe habe ich verbal noch gar nicht drauf, dafür bin ich noch zu kurz im Amt, ich muss mir das noch anlesen.

 

Haben Sie Zahlen zur Diversität an der Universität?

Also ich kann Ihnen jetzt keine genauen Zahlen nennen, nur im Präsidium, da sind eins, zwei, drei, demnächst vier – alle männlich (lacht).

 

Auch der Anteil der weiblichen* Lehrenden ist gering. Wie möchten Sie dagegen angehen?

Das ist natürlich auf der Agenda, da kann beispielsweise eine gendergerechten Sprache in der Ausschreibung förderlich sein. Also zum Beispiel die Vermeidung von bestimmten Wörtern wie „leistungsorientiert“, die Frauen eher von der Bewerbung abhalten. Die Universität ist allerdings zu klein, um Stellen frei zu lassen, auf die sich keine passende Frau bewirbt. Es bewerben sich insgesamt zu wenige Frauen in bestimmten Bereichen. Und wenn ihre jeweiligen Qualifikationsmerkmale eben nicht ähnlich der der anderen Bewerber sind, dann kommt die Frau nicht zum Zug. Das kommende Präsidiumsmitglied ist auch wieder männlich.

 

Braucht es eine Frauenquote?

Ich bin vorsichtig, an welcher Stelle sie Sinn macht. Wenn Sie jetzt sagen, der Studiengang Wirtschaftswissenschaft und Management braucht bei den Dozierenden eine 50/50-Quote, dann kommen wir möglicherweise in die Bredouille, dass wir die Studiengänge nicht mehr anbieten können, weil die Stellen nicht besetzt werden können. Oder weil es zu wenig Bewerbungen gibt. Vielleicht ist es sinnvoll, eine Quote zu formulieren, aber nicht in Stein gemeißelt, sondern mit dem Anspruch zu prüfen, ob sie Sinn macht. Ich bin durchaus für eine Quote als Messlatte. Ich schaue jetzt auf den Bildschirm (des digitalen Interviews) und sehe drei Frauen. Wenn Sie jetzt umgekehrt fragen: Kein Mann? Man muss das aus beiden Perspektiven betrachten. Das nächste Präsidiumsmitglied muss aber weiblich sein, da steht das Präsidium unter Druck.

 

Von Seiten der Universität wird oftmals nicht gegendered, sehen Sie das als Problem?

Auch das ist etwas, das sich entwickelt. Ich werde versuchen, mir diese Sprechweise anzugewöhnen und genderneutraler zu formulieren. Ich würde es jedoch ein bisschen kontextbezogen handhaben. Es kann hier möglicherweise keine einheitliche Lösung geben, das ist meine Befürchtung an der Stelle. Insofern sind wir weit, wenn wir sagen, in möglichst vielen Texten machen wir das Gendersternchen und in Ausschreibungen ist vielleicht „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ die Form. Wir sollten das pragmatisch angehen.

 

Wie steht es um den Anteil an Studierenden und Lehrenden mit Migrationshintergrund oder BIPOC ?

Wir gelten sicherlich immer noch ein bisschen als Anthroposophen-Universität und als Elfenbeinturm. Und da wir viel in deutscher Sprache anbieten, sind wir vielleicht auch etwas deutscher als wir wollen. Ich denke der Anteil an Studierenden mit Migrationshintergrund wird dennoch gewachsen sein, weil man nicht bei jedem auf den ersten Blick den Migrationshintergrund erkennen muss. Warum die nicht kommen oder kommen wollen, da habe ich momentan keine Antwort drauf. Wir müssen uns jedenfalls auch fragen, wie die Außendarstellung der Universität ist.

 

Haben Sie Ihre Stelle mit einer Vision angetreten und wenn ja, mit welcher?

Meine Vision ist, dass die Universität gleicher und bunter wird. Und zwar im Sinne einer anderen Sensibilität für dieses Thema, einer Wertschätzung füreinander, entsprechend der drei Fahnen, die wir ja da draußen haben. Aber ich kann das nicht alleine, wir müssen das alle gemeinsam machen. Ich sehe die Universität Witten/Herdecke in der Gesellschaft präsenter, sichtbarer und vielfältiger werden.

 

Wie geht das in Zeiten einer Pandemie?

Die Begegnungen sind ein wichtiges Merkmal dieser Universität. Diese Kleinheit und das Miteinander, das kann man gerade nicht so gut vermitteln. Denn es ist ganz schwierig, das digital zu ermöglichen. Da entgeht einem so viel in der Atmosphäre und in der Kommunikation. Wir müssen also eine neue Atmosphäre entwickeln. Aber wie gesagt, wenn wir alle mitmachen, dann sind wir hoffentlich bald ganz bunt und vielfältig und noch viel gleicher als wir es jetzt schon sind. Und mit gleich meine ich nicht, dass wir alle gleich sind, sondern gleich behandelt und gesehen werden.

 

Danke für die ersten Einblicke in Ihren neuen Posten.

Gerne, ich hoffe Sie tragen dieses Thema an andere Studierende weiter, sodass wir alle gemeinsam daran arbeiten können, aufmerksam und wachsam zu sein und realen Fortschritt an der Universität zu bezwecken.

 

Das ist auch unsere Intention bei diesem Interview.

EIN INTERVIEW VON
CLARA BÖHME,
THEDA VON DER RECKE UND PAULINA UNFRIED
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