Esprit fatigué

Spaß war gestern, heute hecheln wir von einem Engagement zum
nächsten. Ein Text über die Bedingungen des
studentischen Engagements

VON HANNA GOTTSCHALK

Das studentische Engagement ist unsere Teilhabe an der Universität und am studentischen Leben, die Einflüsse davon reichen über die Universitätsgemeinschaft hinaus in die Gesellschaft. Alfred Herrhausen hatte dies bei der Eröffnungsfeier 1983 als esprit engagé bezeichnet, „als engagierter Geist, der entwickelt und umgesetzt werden muss, um dabei mitzuhelfen, die Gesellschaft zu fördern." Doch welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um sich engagieren zu können und wie kommunizieren wir dieses Engagement in unseren eigenen Reihen?

Ich werde versuchen, mich diesen Fragen auf betrachtende Weise zu nähern und das natürlich subjektiv tun. Dementsprechend sollte der Beitrag weniger als Bericht, sondern als geteilter Gedankengang gelesen werden.

Die Formen des studentischen Engagements an unsere Universität sind vielfältig und gehen über die Initiativen und die Hochschulpolitik hinaus. Es ist nicht nur das Organisieren, sondern auch das Teilnehmen an Veranstaltungen. Es ist auch das Ausfüllen eines langweiligen UWE-Evaluationsbogens, eine kritische Frage im Seminar oder das Schreiben eines Artikels für die Studierendenzeitung. Ich verstehe den Begriff, sehr weit gefasst, als die aktive Mitarbeit am universitären Alltag durch Studierende. Damit wäre die Begriffsklärung erledigt und wir können zur kühn aufgestellten Hauptthese gelangen, die ich, wie jede:r gute Philosoph:in einfach in die Mitte des Geschehens werfe. 

Hauptthese: Es wird von den Studierenden erwartet, sich zu engagieren. 

Gut, aber von wem? Von der Universität? Wer soll das sein? Versuchen wir, es konkreter zu machen. Wie wird diese Erwartung eigentlich kommuniziert? Schließlich wird bei mangelndem Engagement nicht mit der Exmatrikulation gedroht. 

Es ist die Homepage, die mitteilt, dass hier Neugierde und Gestaltungswille vereint werden. Es sind die vielen „friendly reminder“ und Newsletter, die sich im Postfach sammeln, die erinnern und aufrufen, hier und da und dort doch mal vorbeizuschauen und mitzumachen. Es ist der Moment, wenn man sich auf dem Markt der Möglichkeiten zwischen den Ständen wiederfindet und wenn andere Studierende beim Small Talk verkünden, wie busy sie doch gerade sind.

Okay, genug der Behauptungen ohne Quellenangabe, wo führt uns das jetzt hin? 

Mir geht es darum, den Komplex zu beleuchten, den wir an dieser Universität um das Engagement etabliert haben, unseren Umgang damit und dessen Voraussetzungen.

Die erste zentrale Bedingung ist Zeit. Zeit, in der man sich engagiert und in der daher weder gearbeitet noch studiert werden kann. Und schon taucht am Horizont dieser Betrachtung die Regelstudienzeit auf, ein Schatten, der von Bologna bis zu uns reicht, wenn die Sonne richtig steht. Noch mal für alle: Die Regelstudienzeit wird so berechnet: 

1 CP = 30h; 1 Semester = 30 CP = 30x30h = 900h. 

Vollzeitarbeit sind 40h/Woche, das heißt 900h:40h/Woche = 22,5 Wochen. Ebenfalls zur Erinnerung: 1 Jahr = 52 Wochen. 2x22,5 Wochen = 45 Wochen; heißt 7 Wochen nicht Vollzeit arbeiten, denn: 

52-45 = 7. Wow.

Kann man sich in sieben Wochen noch engagieren, arbeiten, seine Familie und Freund:innen besuchen und Urlaub machen? Hell no. Wir können alle froh sein, dass einem CP nur in der Theorie 30 Arbeitsstunden entsprechen und nicht in der Realität, sonst wäre - ja was? Wir könnten uns entweder die Regelstudienzeit an den Hut stecken oder die Arbeit oder den Urlaub oder eben: das Engagement. Vielleicht sind wir alle aber auch so ultraintelligent, dass wir alles beim ersten Mal anhören, verstehen und nicht lernen müssen. Nur - das ist nicht der Fall. Was aber der Fall ist, ist dass Studierende finanziell davon abhängig sind zu arbeiten, trotz und mit BAföG und umgekehrtem Generationenvertrag (auch wenn sie die Wahrscheinlichkeit dieser Abhängigkeit verringern). Daraus ergibt sich eine finanzielle Bedingung, denn die Zeit fürs Studium darf theoretisch nicht durch entlohnte Arbeit belegt sein. Die Abhängigkeit von bezahlter Arbeit mindert also nicht nur die Wahrscheinlichkeit,, in Regelstudienzeit fertig zu werden, sondern auch die Möglichkeit zum studentischen Engagement. Über die Vereinbarkeit dessen mit der Pflege Angehöriger oder der Erziehung eines Kindes ganz zu schweigen.

Mit Zeit und Geld hätten wir die klassischen Ressourcen jeder guten, kapitalistischen Produktionsanalyse abgeklappert und kommen nun zu etwas sehr Ungewöhnlichem: Emotionen. Es wird nicht nur mir aufgefallen sein, dass die Aufnahme von Nahrung allein die eigene Produktivität leider nicht automatisch wiederherstellt. Aber das deutet auf einen sehr wichtigen Zusammenhang hin: Wir sind keine Maschinen. Es gibt Stunden, Tage, Wochen und November, in denen einfach nichts klappt. Wir haben mal mehr, mal weniger Energie, sind mal enthusiastisch und effektiv, mal einfach nur ein krümeliger Haufen Elend, der lustige Katzenvideos schaut. Es gibt emotionale Ressourcen und psychische Grenzen. Der Druck auf die emotionalen Ressourcen hat seine Quellen auch im sozialen Raum innerhalb der Studierendenschaft. Wird unter Kommiliton:innen Engagement als normal angesehen, kann es als Bedingung für Anerkennung und Zugehörigkeit empfunden werden. Mit dieser Normalisierung, die Überdurchschnittlich zum neuen Durchschnittlich erklärt und damit die Kür zur Pflicht macht, werden nicht nur Anreize geschaffen, über sich selbst hinauszuwachsen, sondern leider auch dafür, die eigene Anstrengung zu verstecken.

Wie hängen nun diese drei Ressourcen mit der Hauptthese zusammen? 

Ich habe behauptet, dass die implizite Erwartung besteht, sich als Studierende:r zu engagieren. Wenn nun bezahlte Arbeit notwendig ist und zusätzlich die Regelstudienzeit als normale Studiendauer erhoben wird, dann haben wir einen Zusammenhang an Anforderungen aufgestellt, der unmöglich zu bewältigen ist. Irgendeine Grenze wird überschritten oder eine Ressource ausgebeutet werden müssen. Es wird problematisch.

Die Einzigartigkeit der Universität Witten/Herdecke gegenüber anderen Universitäten ist ein Stück weit von der Mitgestaltung durch Studierende abhängig. Zum Lehrkonzept gehört, dass während des Studiums in den gebotenen Freiräumen eigenständig Verantwortung übernommen und die eigene Persönlichkeit entwickelt werden können. Das Versprechen der aktiven Teilhabe, auch an der Entwicklung der Organisation selbst, wirkt sich positiv auf Bewerber:innen aus und dessen Umsetzung hat nicht zuletzt auch das Aussehen des Campus geprägt.

Was wäre also die Dreifaltigkeit von Wittener Werten, Didaktik und Geist, wenn es kein studentisches Engagement gäbe? Es sein zu lassen kommt nicht in Frage.

Andererseits wäre es auch problematisch, von Studierenden vorauszusetzen, dass sie nicht auf Lohn angewiesen sind, denn das würde dramatische finanzielle Barrieren aufstellen und die UW/H zu einer exklusiven Privatuni mutieren lassen. Exklusiv für Reiche. Geht also auch nicht.

Zum Glück können wir fröhlich überziehen. Es gibt keine Nachteile im umgekehrten Generationenvertrag, wenn einfach noch ein (paar) Semester drangehängt werden. Klasse! Aber ich nehme stark an, dass das nicht für alle Universitätsangehörige eine akzeptable Lösung darstellt. Denn wir werden mit anderen Unis verglichen und wenn überall die Leute schneller fertig werden, dann sieht es so aus, als würden hier alle nur Däumchen drehen. Folglich wird die Regelstudienzeit weiterhin normalisiert und als Maßstab an Studierende angelegt. 

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit: Sich selbst überarbeiten und die eigenen Ressourcen ausbeuten. Klingt nicht so verlockend? – Ist es auch nicht. 

Aber wir sollten noch nicht aufgeben. Nur weil sich keine der Stellschrauben voll aufdrehen lässt, heißt das nicht, dass wir nicht an allen ein bisschen drehen können:

Fördernde können ihre Stipendien nach anderen Kriterien vergeben und statt das Engagement bereits vorauszusetzen, den Fokus darauf legen, Studierenden mit geringeren finanziellen Mitteln mehr Teilhabe zu ermöglichen. Professor:innen können sich bemühen, die Regelstudienzeit nicht als Norm zu kommunizieren, sondern als Theorie. Die psycho-soziale Beratungsstelle kann Studierende dabei unterstützen, mit den Folgen von Überlastung umzugehen. Mitarbeitende in Marketing und Kommunikation können verschiedene Stimmen einfangen und unterschiedliche Kombinationen von Studium, Arbeit und Engagement abbilden. Als Studierende können wir innerhalb unserer Initiativen und Ämter aufhören Stress zu normalisieren, Aufgaben breiter auffächern und an mehr Menschen aus verschiedenen Bekanntenkreisen verteilen. Wir können als Kommiliton:innen und Freund+innen Zuspruch leisten und andere ermutigen, ihre Prioritäten anders zu setzen. Und schließlich können wir unsere Erwartungen an uns selbst hinterfragen und lernen, Nein zu sagen.