Rausch und Ekstase braucht der Mensch

In der Pandemie gibt es wenige Gelegenheiten für Ekstase.
Was vermisse ich am meisten? Tanzen

 

VON BENEDICTE FINGER

 

Seit den ersten Corona-Einschränkungen habe ich eine persönliche Meinungsumfrage bei mir selbst gemacht. Die Frage lautete: „Was vermisse ich am meisten?“ Immer unter den Top 3: “Tanzen”. Die Corona-Maßnahmen erlauben leider keine ausgedehnten Tanzexzesse in dunklen, lauten und schwitzigen Musiktempeln. Klar könnte man jetzt sagen, zappel doch mal in der WG-Küche ab, probier mit YouTube den neuesten Voguing-Workshop aus und auch allein auf einer Wiese tanzt es sich toll. Alles probiert, ist auch wirklich ganz nett - aber nein. Der Funke will auch bei digitalen Raves einfach nicht überspringen. Alle Ersatzformate, die versuchen, kollektive (Ekstase)Erlebnisse in das Zweidimensionale zu übertragen, scheitern aus meiner Sicht. Es fehlen dann doch die anderen schwitzenden Menschen, der wummernde Bass, die dunkle rauchige Clubatmosphäre. Es fehlt - die Ekstase. Doch was ist das eigentlich?

 

Das Wort Ekstase kommt aus dem Griechischen έκστασις (ékstasis) und bedeutet so viel wie Verzückung, Entrückung, Verwunderung oder wörtlich „aus sich Heraustreten“. In meinem Falle ist es das Sich-selbst-vergessen, akustische Reize, zum Teil auch monotone sich wiederholende Bewegungsformen - alles Zutaten für einen ekstatischen Moment. Anleitungen dazu gibt es zuhauf, auf Amazon gibt es tausend und einen Tantra-, Kamasutra-Ratgeber und spielt damit auf die sexuelle Ekstase an. Außerdem gibt es sie noch im Sport, in der Religion, in der Kunst und Musik. Teil dieser Erfahrungen, oft auch Voraussetzung dieser, sind bewusstseinserweiternde Mittel. Drogen sind ebenso Teil der menschlichen Entwicklungsgeschichte, wie auch Feste und Rituale schon früh in der Geschichte und in allen Gesellschaften zu finden sind. Damit scheint anthropologisch das Verlangen des Menschen nach Nicht-Rationalität, Leiblichkeit und letztlich Transzendenz und Grenzerfahrungen verankert zu sein. So vereint Dionysos, der griechische Gott der Ekstase, mit seinen weiteren Zuschreibungen (der Gott des Weines, der Freude, der Fruchtbarkeit und des Wahnsinns) auch die potenziellen Gefahren der Ekstase. Wein, symbolisch für alle bewusstseinserweiternden (-einschränkenden) Drogen, scheint manchmal als Voraussetzung für Rausch und Ekstase und damit auch der potenzielle Verfall und Wahnsinn - Eigenschaften die auch Dionysos innewohnen. 

Auch wenn gerade die gemeinschaftlich erlebte Ekstase nicht stattfinden kann, dann kann man den Hauch der besseren ekstatischen Zeiten vielleicht noch im spontanen WG-Tanzabend, Naturerleben oder der vielleicht besinnlichsten Adventszeit aller Zeiten spüren. Und wann warst du eigentlich das letzte Mal in Ekstase?  ​

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