Die Eckpunkteinnerer Zerrissenheit

VON FELIX BIRKNER

Endlich diskutieren wir in Europa breitflächig über Rassismus. Allerhöchste Eisenbahn! Ursprünglich wollte ich in diesem Beitrag den Finger auf einen Punkt in der Debatte legen, der mir nicht gefällt. Aber wie schreibt man kritisch über eine Debatte, die man von tiefstem Herzen begrüßt, ohne Missverständnisse zu riskieren oder schlimmer noch: denjenigen Argumente an die Hand zu geben, denen das gerade alles zu weit geht oder die #whitelivesmatter tweeten? Der Text stand bereits, doch nach einigen Gesprächen mit meiner Quarantäne-Crew überkamen mich Zweifel: Ist die Intervention überhaupt gerechtfertigt? Sind das nicht alles Argumente, die eh schon irgendwo da draußen herumschwirren und muss gerade ich, gerade jetzt, gerade diese kritischen Stimmen stärken? Geht es mir nicht nur darum, meinen eigenen Senf beizusteuern? Nehme ich mich zu wichtig? Die letzten beiden Fragen lassen sich eindeutig mit Ja beantworten, aber essayistisches Schreiben kommt ohne eine Portion Ego nicht aus. Schwerer hingegen fällt es mir, eine triftige Antwort auf die Frage zu finden, ob diese Intervention überhaupt gerechtfertigt ist. Aber kein Artikel ist auch keine Lösung.

„Einfach mal die Schnauze halten!“ lautet ein prominenter, gut gemeinter Ratschlag, den ich in meinem Inneren widerhallen höre. Ja, stimmt eigentlich, denn rassismuskritisches Verhalten hat auch eine räumliche Dimension, die die Frage „wie viel Platz nehme ich in der Diskussion ein?“ umspannt. Schließlich sollen ja Stimmen sichtbar gemacht werden, die vorher vom Diskurs ausgeschlossen wurden. „Außerdem“, fügt eine Freundin von mir hinzu, „könnten Weiße überhaupt nicht über Rassismus sprechen, aufgrund ihres Weißseins.“ Ich halte dieses Argument für Quatsch. Herkunftsgeschichten grenzen unsere Perspektive zwar ein, legen sie aber nicht fest. Zadie Smith schreibt einfühlsame Romane, die in migrantischen Milieus spielen und keinerlei Überschneidungen mit ihrer eigenen Biographie haben; Ken Loach dreht bewegende Filme über soziale Schichten, die von seiner eigenen Lebensrealität weit entfernt sind. Beim Versuch der Verallgemeinerung subjektiver Erfahrungen, also dort wo das Ich zum Wir wird, zählt die Falschdarstellung zum Berufsrisiko. Gleiches gilt natürlich für Erzählungen in der dritten Person Singular. Folglich sollten wir die Qualität der Erzählung in den Mittelpunkt rücken und nicht die Frage nach der rassifizierten Gruppenzugehörigkeit der erzählenden Person. Außerdem halte ich es für wichtig, dass wir im Dialog bleiben, uns gegenseitig kritisieren können und Gemeinsamkeiten betonen, gerade angesichts kollektiver Herausforderungen wie dem Klimawandel.

Aha. Das ist zwar kohärent argumentiert, aber was zum Teufel möchte ich damit zum Ausdruck bringen? Ich habe zwar die Frage beantwortet, ob ich, zumindest theoretisch betrachtet, über Rassismus schreiben kann, aber nicht, ob ich auch darüber schreiben sollte. Vielleicht sollte ich es lassen. Erst recht vor einem Publikum, unter dem sich vermutlich noch jemand denkt: „Hah! Ich wusste ja schon immer, dass diese Anti-Rassismus-Aktivisten-Meute philosophisch inkohärent ist.“

 

Und überhaupt: Was soll diese beiläufige Bemerkung zur kollektiven Herausforderung Klimawandel. Heißt das etwa, es gebe Themen, die gerade wichtiger sein sollen? Nein, eher möchte ich für Zusammenhalt plädieren, für eine inklusive Rhetorik, die Menschen nicht aufgrund von race-Kriterien ausschließt – in beide Richtungen der Debatte. Schließlich werden rassismuskritische Perspektiven motiviert durch das Leid der Betroffenen und die Ungerechtigkeit ihrer Ungleichbehandlung. Unter diesem Blickwinkel sind der Klimawandel und seine Folgen für den globalen Süden und die nachfolgenden Generationen nicht minder problematisch. Und der Kampf für Klimagerechtigkeit erfordert eben kollektive Anstrengung über die Grenzen rassifizierter Gruppenzugehörigkeiten hinaus. Aber: Easy for me to say...

 

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einen Exkurs zu Martin Luther King unternehmen. Der hat sich nämlich auch für die Überwindung partikularer Perspektiven und für die Einnahme eines starken Wir eingesetzt. Und es ist immer gut auf der Seite von M. L. K. zu stehen. Aber noch eher hätte ich einfach darauf verzichten sollen, diesen Artikel zu schreiben. Ja, das wäre vielleicht noch besser gewesen.

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