Ernsthafte Kritik an der UW/H, die ihr hilft, sich zu wandeln. Gibt es das überhaupt noch? Bestimmt, nur fehlt ihr die Plattform. In dieser Rubrik, soll der schwerfällig gewordenen UW/H den nötige Stich versetzt werden.

Der Stachel

Warum die Uni Witten/Herdecke nicht aus ihrem eigenen Sumpf herauskommt.

VON JULIUS GUNNAR

Die Universität Witten/Herdecke wurde gegründet, um einen Stachel ins Fleisch der starren staatlichen Hochschullandschaft zu rammen. So erklärte es der Mitgründer Konrad Schily im gemütlichen „Unikate“ Gespräch. Die staatlichen Hochschulen haben diesen Stachel wohl gespürt, sich schwerfällig in Bewegung gesetzt, wurden immer beweglicher und stärker und spüren deshalb den Stachel der UW/H immer weniger. Die Haut schließt sich um ihn herum. Er ist wichtig gewesen, aber heute ist er eigentlich nicht mehr wirklich relevant.

 

Die UW/H ist der Hochschullandschaft Deutschlands kaum noch voraus. Es gibt auch andere Universitäten, die kleine Seminare anbieten, besonders in den Masterstudiengängen. Es gibt auch andere Universitäten, die sich langsam Formen des Problemorientierten Lernens aneignen, neue Formen der Didaktik ausprobieren und ähnliche Formen wie das StuFu anbieten. Selbstverständlich sind das enge Betreuungsverhältnis, das selbstständige Lernen, die (über-)engagierten Studierenden immer noch Wettbewerbsvorteile und Unique Selling Points. Dass wir überhaupt in solchen Kategorien und Begriffen denken und sprechen müssen, zeigt jedoch schon einiges. Wir sind vielleicht in einigen Fällen besser. Wirklich besonders oder sogar irritierend, nervig und spannend sind wir nicht.

 

Die UW/H ist heute selbst starr geworden in einem Exoskelett aus Selbstbestätigung und Eigenbrötlerei. Streitigkeiten in den Gremien der Hochschule eskalieren nie. Spannung und Aggressivität brodeln unter der Oberfläche, denn sollten sie hervorkommen bangt man um das gute Verhältnis zueinander, seine Noten, ja vielleicht sogar um seinen Arbeitsplatz. Wir drehen uns um uns selbst in unseren Resonanzräumen, AGs und den schlussendlich inhaltsleeren und uninspirierenden Top-Down Entscheidungen des Präsidiums. Wir drehen uns viel, lang und anstrengend, drehen dabei aber eigentlich hohl. Es wird selten tiefgreifende Kritik geäußert und schon gar nicht nach außen, um ja nicht das Bild einer perfekten Uni zu zerstören. Eine Organisation, die keine Kritik an sich selbst zulässt und Kritik von außen als Missverstehen diskreditiert, wird sich schwer tun sich wirklich zu wandeln.

 

Die UW/H sehnt sich jetzt selbst verzweifelt nach einem Stachel, der ihr – von innen oder von außen – in die Flanke gerammt wird, damit sie sich in Bewegung setzt und wieder spannend wird. Wenn ich mir diesen Frevel erlauben darf: Marketing ist nicht das Problem. Wenn die Uni spannend ist, aneckt und strahlt, dann wird sie spannende, aneckende Menschen anziehen. Vielleicht nie wirklich viele, aber hoffentlich immer die richtigen. Irgendwie erfahren sie dann schon von der Existenz dieser Uni. Das Problem ist, dass die UW/H nur nicht wirklich spannend ist.

 

Mit dieser Rubrik möchte ich einen Versuch unternehmen einen kleinen Stich zu versetzen in der Hoffnung, dass es mehr werden. In der Hoffnung, dass es einen Teil dazu beitragen kann, dass sich die schwerfällige UW/H in Bewegung setzt. Ich möchte hier die Möglichkeit bieten sich einmal wirklich und ernsthaft über alles auszulassen, was einen wirklich an der UW/H anpisst. Wirklich Kritik zu üben, ohne »Ich-Aussage«, »gewaltfreie Kommunikation« und ohne Angst davor zu haben, sich irgendein »Netzwerk« zu verbauen oder in mündlichen Prüfungen schlechtere Noten zu bekommen. Denn wer sich anmaßt, aufgrund eines kritischen Artikels in einer Studierendenzeitung Groll zu hegen oder sogar Konsequenzen zu ziehen, der*die hätte sich dann nicht die Universität Witten/Herdecke als Lern-, Forschungs-, Diskussions- und Arbeitsort aussuchen sollen.

 

Und jetzt möchte ich selbst anfangen. Es gibt so viele Stellen, ich weiß gar nicht wo. Vielleicht dabei, warum die Professor*innenschaft so verdammt männlich und weiß ist? Warum die Dekane sogar alle weiß und männlich sind und das gleiche für das Präsidium gilt? Viele Studierende denken sich schon lange, „was für eine homogene, ungerechte und rückständige Organisation“. Bei der Organisationsstruktur und den Mitarbeitenden der Uni hört es aber nicht auf. Wenn wir uns einmal umschauen: Wie viele Mitstudierende kennen wir, die nicht zumindest eines dieser drei Privilegien besitzen, die den Zugang zu Bildung erleichtern: weiß sein, aus einem Akademiker*innenhaushalt kommen oder zumindest aus der sozioökonomischen Mittelschicht? Wir haben den Umgekehrten Generationenvertrag und doch sind wir unglaublich schlecht darin, die strukturellen Diskriminierungen unseres Bildungssystems auszugleichen. Das ist nicht nur ein Problem unserer Universität. Es ist aber ein Problem unserer Universität, dass wir nicht an der Spitze der Bildungsinstitutionen stehen, die versuchen diese Strukturen aufzubrechen. Eine Gleichstellungs- und Diversitybeauftragte ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber viel zu spät und sowieso viel zu wenig. Da geht mehr, da muss mehr gehen!

 

Jetzt höre ich es schon förmlich: „Der macht es sich aber leicht, dieses Problem erkennt doch jede*r!“, „Kritik äußern schön und gut, aber wo sind denn Ihre Lösungen?“, „Was ist denn aus Ihren Forderungen nach dem Unternehmen des eigenen Studiums und der eigenen Universität geworden?“. Sollte sich jemand angesprochen fühlen, so kann ich nur antworten: Ich habe das Gefühl, dass ich mich lange genug von der UW/H durch ehrenamtliches Engagement für die Uni habe ausbeuten lassen. Außerdem: Kritik, fair und möglichst fundiert ausgesprochen, ist ebenso wichtig für den Wandel wie die Lösungen, die auf die Kritik hin gefunden werden.

 

 

Für die nächsten Ausgaben sind Sie oder Ihr gefragt. Ob Sie/Ihr Teil der Universität seid oder ihr nahesteht, hier könnt ihr Kritik üben und der UW/H einen Stachel versetzen. Kritik muss dabei (einigermaßen) klar, verständlich, fair und fundiert geäußert sein. Schreibt uns oder schickt uns direkt euren Text an: pottpost@uni-wh.de

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