Unvoreingenommene Anthroposophie?

Zwei anthroposophische Mediziner*innen der Universität Witten/Herdecke forschen zu Nebenwirkungen des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes bei Kindern – und geben sich betont neutral. Bei genauerem Hinsehen entstehen daran aber erhebliche Zweifel. Ein Interview mit dem „AnthroBlogger“ Oliver Rautenberg über Maskengegnerschaft, Anthroposophie und Wissenschaft.

 

Von Jan Sikorski & Joshua Stahl

 

 

 

 

 

 

 

Viele Universitäten forschen gerade zum Coronavirus und dem Umgang mit ihm. Auch an der Universität Witten/Herdecke werden derzeit mehrere Forschungsprojekte zum Thema durchgeführt. Eines davon, die "CoKi-Umfrage zur Mund-Nasen-Bedeckung (Maske)" untersucht Nebenwirkungen des Maskentragens bei Kindern. Was ist das für ein Projekt?

Die „CoKi“-Studie „Corona bei Kindern“ wird von den Macher*innen als Mitmachforschungsprojekt für Eltern, Pädagog*innen und Ärzt*innen bezeichnet. In Form einer anonymen Internetumfrage werden dort Fragen zu den Auswirkungen von Masken auf Kinder gestellt, sei es im familiären Umfeld oder im Umfeld von Schulen oder Kindergärten. Das Projekt ist spendenbasiert und die technische Infrastruktur stellt die Universität Witten/Herdecke bereit. Der Studienautor David Martin gibt an, dass es nur wenige wissenschaftliche Informationen zu diesem Themenkomplex gebe. Deshalb wolle man in einer Zeit, in der viel polarisiert würde, die Tatsachen so wissenschaftlich wie möglich darstellen.

 

Sie kritisieren die Autor*innen auf Ihrem Anthroposophie-Blog deutlich für ihre Studie. Wofür genau?

Zunächst war ich erstaunt über die Methodik, die dort benutzt wird. Diese Studie besteht aus einer anonymen Internet-Umfrage, die meines Erachtens sehr fehleranfällig ist. Es wird in einschlägigen anthroposophischen Interessensgruppen stark für diese Umfrage geworben und aufgefordert, dort gerne auch Mehrfachantworten abzugeben. Eine anonyme Umfrage, die in der eigenen Interessensgruppe oder esoterischen Gemeinschaft durchgeführt wird, halte ich für bedenklich. Zumal Maskengegner*innen oder Kritiker*innen von Corona-Schutzmaßnahmen dort wahrscheinlich überdurchschnittlich viel vertreten sind. Insofern gibt es viele Gründe, anzunehmen, dass das Ergebnis bestenfalls verzerrt sein wird.

 

Nun wird das Ergebnis vielleicht verzerrt sein, aber die Autor*innen sagen ja selbst, dass sie weder die Notwendigkeit der Schutzmaßnahmen noch die Wirksamkeit der Masken infrage stellen. Also ist die Studie doch neutral?

Ja, das sagen sie in der Tat. Es gibt auf der Website der Studie ein Videostatement von den Studienverantwortlichen, David Martin und Silke Schwarz, dazu, in dem sie die Neutralität der Studie betonen. Was im Gegensatz dazu steht, sind die bisherigen Aussagen dieser beiden anthroposophischen Mediziner*innen. An vielen verschiedenen Stellen haben die beiden Ärzt*innen sich vehement gegen das Tragen von Masken bei Kindern ausgesprochen. Beide haben die Stellungnahme der „Pädagogisch-medizinischen Arbeitsgruppe Witten/Herdecke“ verfasst, in der explizit von schädlichen Auswirkungen durch das „fragwürdige“ Maskentragen gesprochen wird. Gewarnt wird, es würden dadurch Angststörungen und Zwangsstörungen entstehen. Stattdessen sollen Kinder mit ihrer Erkrankung zur „Gruppenimmunität“ beitragen, wodurch ein positives Selbstverständnis und ein gesundes Selbstwertgefühl entstehen könne. Es wird gefordert, zum Schutz von Kindheit und Jugend auf vermeintlich unnötige Hygienemaßnahmen wie zum Beispiel Abstandsregeln und eben das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu verzichten. So entsteht für mich der Eindruck, dass das Ergebnis, wie die Studie ausgehen würde, vorher schon feststeht. Ein offener Brief an die nordrhein-westfälische Schulministerin Ivonne Gebauer, in dem gefordert wird, die Corona-Schutzmaßnahmen unter Androhung von juristischen Konsequenzen sofort zurückzunehmen, wurde ebenfalls von Frau Schwarz unterzeichnet. 

Öffentlich zu schreiben, die Maßnahmen seien quasi unwirksam, gesundheitsgefährdend und noch dazu illegal, und gleichzeitig zu behaupten, man stelle die Maßnahmen nicht infrage, das passt nicht zusammen.

 

Wie erleben Sie die Reaktion auf die „CoKi“-Studie in der anthroposophischen Welt?

Verschiedenste Akteure aus Alternativmedizin und Alternativpädagogik machen derzeit Werbung für die „CoKi“-Studie. Zu nennen sind hier etwa Corona-kritische Telegramgruppen wie „Pädagogik nach Rudolf Steiner“, die von Witten aus organisiert wird, sowie rechtsoffene Gruppen wie die „Coronarebellen Freiburg“. Interessant ist, dass die Studie vor allem auf impfgegnerischen Seiten im Internet und sogar auf der Seite des ehemaligen Waldorfschülers und Verschwörungsideologen Ken Jebsen beworben wird. Dort werden die Corona-Schutzmaßnahmen als Machtergreifung und Gehorsamkeitsexperiment bezeichnet. Es wird dort eindringlich aufgerufen, für die Studie zu spenden und daran teilzunehmen. Da kann man nur hoffen, dass die massive Teilnahme von Corona-kritischen Menschen aus der verschwörungsideologischen, rechtsoffenen oder anthroposophischen Szene nicht die streng wissenschaftlich erhobenen Erkenntnisse verzerrt.

 

Sie haben bei Twitter ebenfalls diese Kritik geäußert, und ein Mitglied des Präsidiums um eine Stellungnahme gebeten. Die Antwort lautete, dass das „Spektrum der Uni sehr weit“ sei und dafür sorge, dass man viel zu diskutieren habe. Ist dieses Statement denn falsch?

Ich finde die Haltung generell bedenklich, dass sich wissenschaftliche Grundsätze diskutieren ließen. In einer anthroposophisch geprägten Universität mit anthroposophisch geprägten Mediziner*innen wird die Weltanschauung immer eine Rolle spielen, ob vordergründig oder im Hintergrund. Wenn Forschung so funktioniert, dass man erst das Ergebnis hat und hinterher Belege sucht, die die vorgefertigte Einstellung belegen sollen, dann ist das nicht zu diskutieren.

 

Sie haben gerade davon gesprochen, dass Ihnen auch andere anthroposophische Mediziner*innen während der Corona-Krise aufgefallen sind. Können Sie Beispiele nennen?

Das ist zum Beispiel der Neurologe Markus Sommer, der als einer der ersten kosmologische Aspekte der Corona-Pandemie in die Diskussion gebracht hat. Die Anthroposophie ist eine Art von kosmologischer Weltanschauung, die den Menschen als Abbild des Kosmos sieht. Herr Sommer war sich sicher, dass zu Beginn der Corona-Pandemie die Sterne und Planeten in einer ungünstigen Konstellation gestanden hätten. Schon der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, hätte gewusst, dass bestimmte Planetenkonstellationen zur Entstehung von epidemischen Krankheiten beitrügen. Wenn man eine Pandemie an dem Stand von Planeten und Sternbildern festmacht, dann ist man mehr Anthroposoph als Wissenschaftler, denke ich. 

Das ist kein Einzelfall: Die medizinische Sektion des Goetheanum, also des Sitzes der allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft, wird stellvertretend von Georg Soldner geleitet. Dieser geht davon aus, dass die Verbreitung des Virus auch ein Problem der mangelnden Spiritualität sei. Man müsse sich stattdessen für die Sonne interessieren und Lichtsubstanzen von Meteoren aus dem Weltall als Globuli einnehmen. Es gibt ganz viele unterschiedliche Erklärungsansätze aus diesem Spektrum, warum die Pandemie entstanden ist und wie sie zu bekämpfen ist. Aber fast alle davon bewegen sich außerhalb der Wissenschaft und basieren auf anthroposophischem Glauben.

 

Sie haben nun mehrfach die Anthroposophie und die Wissenschaft gegenübergestellt. Was heißt denn Wissenschaft für die Anthroposophie?

Die Anthroposophie versteht sich auch als Wissenschaft. Das bringt diverse Probleme mit sich, da ihre esoterischen und kosmologisch begründeten Annahmen nicht falsifizierbar sind. Ihr Begründer, Rudolf Steiner, gilt als Hellseher, der sein Wissen in höheren Welten „geschaut“ haben will. Er habe wohl in der Akasha-Chronik, dem großen Weltengedächtnis, lesen können, in der alle Ereignisse der Menschheitsgeschichte schon verzeichnet seien. Und er soll, so sagen einige Anhänger*innen, hunderte Jahre in die Zukunft geschaut haben. Das ist nicht falsifizierbar und steht außerhalb des Wissenschaftsgedankens.

 

Wie haben sich andere anthroposophische Einrichtungen während der Corona-Krise verhalten, wie ist Ihr Gesamtbild der Anthroposophie in dieser Zeit?
Die Anthroposophie hat sehr viele Praxisfelder, die weit in die Gesellschaft hineinwirken. Viele kennen die sogenannte anthroposophische Medizin, die Waldorfpädagogik, die Demeter-Landwirtschaft und viele Institute im Sozialbereich. Wenige davon haben sich in der Corona-Krise mit hilfreichen Antworten zur Bewältigung der Krise hervorgetan. Der Bund der Waldorfkindergärten hat ins Spiel gebracht, dass Karma ein Auslöser für Viruserkrankungen sein könnte. Viele dutzende Akteure der Waldorfschule treten als Redner*innen auf Querfrontdemos auf oder organisieren diese sogar selbst. In den von den Autor*innen der Studie veröffentlichten Papieren finden sich auch traditionelle Positionen von Impfgegner*innen. Auch am Institut für Waldorfpädagogik in Witten-Annen haben sich mehrere Mitarbeiter*innen mit krudesten Verschwörungsmythen geäußert und teilweise selber Telegram-Chat-Gruppen gegründet, um sich dort austauschen zu können. 

 

Warum tut sich die anthroposophische Welt während Corona so schwer?

Es gibt Anhaltspunkte, zu glauben, dass die Verschwörungsgläubigkeit vieler Anthroposoph*innen mit der eigenen Weltanschauung zu tun hat. Geht jemand davon aus, dass es versteckte Wahrheiten und versteckte Welten gebe, die nicht alle wahrnehmen könnten, und sich versteckte Kämpfe zwischen Gut und Böse als eine Art gnostischer Kampf vollzögen, dann ist in diesem magischen Denken die Verschwörung schon angelegt. Auffällig ist ein tiefes Misstrauen in staatliche Maßnahmen, in öffentlich-rechtliche und freie Medien und in den Wissenschaftsbetrieb als solchen. Insofern ist seit dem Beginn der Pandemie die anthroposophische Bewegung in all ihren Praxisfeldern eher als Multiplikatorin für Verschwörungsmythen aufgetreten anstatt als Löserin von irgendwelchen Problemen.

Oliver Rautenberg ist freier Journalist und betreibt den „Anthroposophie-Blog“ (www.anthroposophie.blog). Sein ausführlicher Artikel über das besprochene Forschungsprojekt findet sich unter dem Link  https://bit.ly/3mq9OSX

  • Facebook Social Icon
  • Instagram

©2020 Pottpost.